Entdecke die Wayfarer-Saga

Des Nachts erwachen die Geschichten.
Schnell fliegen sie dahin in den fahlen Stunden des Zwielichts, dem bläulichen Dunkel der Dämmerung.
Denn Geschichten, müsst ihr wissen, Geschichten reisen unaufhaltsam wie das Licht, über breite Straßen und verschlungene Pfade, durch Wälder und über Berge, selbst über das weite Meer. Ein geflüstertes Wort, mehr braucht es dazu nicht. Eine leise Melodie. Ein Stückchen Garn, einen Tropfen Tinte, eine tapfere Seele.
Erinnert euch.




Wayfarer-Saga 1

Das Lied der Nacht

»Ich erzähle euch eine Geschichte. Sie beginnt in einem finsteren Tal mit hohen, schneebedeckten Bäumen. Sie beginnt mit einem einsamen Wanderer in den fahlen Stunden des Zwielichts, in der bläulich glänzenden Dämmerung. Sie beginnt mit einer Frage. Fürchtet ihr euch?«

Nur ein vergessenes Lied vermag es, die Dunkelheit der Nacht zu durchbrechen. Wäre es doch nur erlaubt zu singen – oder sich zu erinnern ...

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Leseprobe

Das Lied der Nacht

1
Das Massaker am Pass


Sie waren überall heutzutage, die Fremden.
Da war man sich einig im Tal von Schur, tief versteckt zwischen den hohen, zerklüfteten Bergen. Natürlich konnten die Leute damit nicht ihr eigenes Tal meinen. Hier gab es nur sehr wenige Fremde, kaum jemanden von außerhalb, seien es Kaufleute, Reisende oder Entwurzelte. Vor allem jetzt im Winter, wo der Pass im Norden durch den Schnee abgeriegelt war und die Höhlen im Süden von den Soldaten des Barons. Niemand reiste mehr über die Straße zwischen dem Nördlichen Pass und dem Südlichen Tunnel.
Niemand außer ihm.
Die Dämmerung senkte sich bereits herab, als der Wanderer den Grauen Pfad hinaufkam, jene einst so stolze, mit blütenweißem Stein gepflasterte Straße, die heute kaum mehr war als ein Schotterweg. Ein Mann, dem man wohl keinen zweiten Blick ge-schenkt hätte, wäre er nicht so groß gewesen und hätte er nicht eine so außergewöhnliche Stute am Zügel geführt – schwarz wie die Nacht war ihr Fell mit einem rötlichen Glanz. Doch selbst seine Größe, selbst sein prachtvolles Reittier, selbst das leicht beunruhigende Grau seiner Augen, schimmernd wie das Meer an einem trüben Morgen, wäre wohl nicht weiter aufgefallen, wenn er nicht leise vor sich hin gesungen hätte, während er ging: eine altbekannte, sonst so fröhliche Melodie. Traurig klang sie aus seinem Mund, traurig und wundervoll zugleich. Er war der einzige Fremde, dem man hier im Tal begegnen konnte, er und seine Gefährten. Den Vagabunden nannte man ihn im Tal, denn er war auf unbekannten Wegen gereist, hatte Berge erklommen und Meere durchkreuzt, von denen man im Tal kaum zu träumen wagte. Er war der Einzige, der selbst im Winter den Pass überwand, der Einzige, der beide Meere gesehen hatte, das im Norden und das im Süden, auch wenn niemand im Tal von Schur sich wirklich sicher war, ob es so etwas wie ein Meer überhaupt gab. Seine Abenteuer waren Legenden, um ihn rankte sich so manche Geschichte. Und Geschichten begegnete man in diesem Tal mit äußerster Vorsicht.
Seinen wahren Namen kannten sie nicht. Für die Leute war er einfach nur ein Reisender mit einem Schwert, das eines Königs würdig gewesen wäre. Einem Schwert, das er nur zog, wenn es absolut unumgänglich war. Seine Schritte waren schwer, die Schultern gebeugt. Die Erschöpfung hatte von ihm Besitz ergriffen, war bis tief in seine Knochen gedrungen, hatte sich wie ein dicker, stumpfer Dolch in seine Muskeln gebohrt.
So erreichte er schließlich die Alte Wegscheide, an der einst der höchste Lampenturm des Tals gestanden hatte. Stark und unverwüstlich war er gewesen, aus weißem Stein aus dem Süden erbaut. Nun passierte der Vagabund nur noch eine Ruine, brüchige, unter dem Schnee verstreute Steine. Hier wandte er sich ab und betrat den Wald, wo er einem Pfad folgte, der sich nur jenen zeigte, die genau wussten, wo er sich befand.
In diesem Moment geschah es.
In diesem Moment erhoben sich die Schatten.
Noch bemerkte es niemand. Nicht die einfachen Dorfbewohner, die gerade die Lampen löschten und Türen und Fenster verriegelten. Nicht der Herr über dieses Tal, der Baron, in der höchsten Kammer seiner Festung, wo das Zwielicht durch zwölf schmale Schießscharten fiel, zwölf fahle Streifen auf seinen Körper zeichnete, während er zusah, wie sich die Nacht über das Land legte. Nicht der Wanderer und seine Stute unten im Wald, angetrieben vom schwindenden Licht ringsum, auch wenn die Erschöpfung an seinen Knochen nagte und an seinen Muskeln schabte.
Angetrieben von dem Wunsch, nach Hause zu kommen.
Immer schneller raubte die Nacht dem Himmel seine Farben, immer schneller eilte der Wanderer den Pfad entlang. Er konnte spüren, wie die Dunkelheit auf seine Brust drückte, wie die Berge immer näher heranrückten. Und als die Dämmerung endgültig schwand, tauchte kein einziger Stern am Himmel auf, kein silbriger Mond stieg über den Horizont. Nur undurchdringliche Dunkelheit legte sich über den halb vergessenen Pfad zwischen den Bäumen. Denn zu jener Zeit waren die Nächte finster, so finster, dass kein Stern und kein Mondstrahl sie durchdringen konnte. Wie ein erstickendes Tuch nahm sie einem die Sicht, diese Finsternis, Vögeln und Getier ebenso wie Männern, Frauen und Kindern. Schon bald sah der Wanderer nicht einmal mehr die Zügel in seiner Hand, den weißen Schnee, durch den er stapfte, den Pfad vor seinen Füßen. Das einzige Licht, das verblieb, kam von der silbernen Brosche an seiner Brust. Wie ein Stern war sie geformt, jener Stern, dessen heller Glanz am Himmel den nördlichsten Punkt markierte – wollte man der Legende Glauben schenken.
Bis plötzlich vor ihm in der Dunkelheit ein kleiner Schimmer erschien. Warmes, goldenes Licht flackerte irgendwo zwischen den schwarzen Bäumen auf.
Licht, das ihn wieder frei atmen ließ, Licht, das die Schwere aus Knochen und Muskeln zog. Auch sein Pferd warf den Kopf hoch, stampfte auf. Lächelnd drehte sich der Wanderer zu der Stute um und klopfte ihr den Hals. »Wir sind zurück, Raud«, sagte er leise, woraufhin sie glücklich wieherte und den Kopf gegen seine Stirn drückte.
Und so folgten die beiden dem Willkommenslicht, das seine Gefährten entfacht hatten, obwohl es im Tal von Schur unter Strafe verboten war, in der Nacht auch nur die kleinste Lampe zu entzünden oder mehr als ein Flüstern von sich zu geben, denn die Menschen und ihr Baron fürchteten, dass Licht und Lärm Fremde in ihr Tal führen könnten. Oder die Furcht heranlocken würden.
Durch das Licht fand der Wanderer schließlich nach Hause.
Tief im Wald lebte er, in einer vergessenen Poststation, die er instand gesetzt hatte. Sie lag am Ende einer Lichtung zwischen hohen Tannen und Fichten, deren Nadeln grünblau schimmerten wie das tiefe Meer und die Luft mit ihrem würzigen Duft anreicherten. Schon während er sich dem Haus näherte, hörte er leise Klänge, die feine Melodie eines Liedes, das dort drinnen gesungen wurde, auch wenn es gegen das Gesetz dieses Tales und seines Barons verstieß, auch wenn man dafür in den tiefsten und dunkelsten Kerker unter der Festung von Schur geworfen werden konnte.
Mit einem Lächeln auf den Lippen lauschte der Wanderer den leisen Klängen.
Und auch da.
Auch da krochen die Schatten unbemerkt durch das Tal. Lautlos und unüberwindlich glitten sie dahin, gehüllt in die undurchdringliche Finsternis der Nacht.
Der Wanderer brachte seine Stute in den Stall, den letzten von vielen, der dieser Poststation noch geblieben war, da seine Gefährten und er nur diesen einen wiederaufgebaut hatten. Nachdem er ihr den Sattel abgenommen und das schwarze Fell trocken gerieben hatte, schmerzten seine Arme. Nur für einen Atemzug lehnte er sich gegen die Stallwand, ließ sie einen Teil seines Gewichts tragen, und musterte seine Hände. Blau vor Kälte waren sie, aufgerissen und schwielig.
Er lehnte den Kopf gegen das Holz und schloss die Augen.
Nur für einen kurzen Moment.
Da hörte der Wanderer, wie eine Oud angeschlagen wurde.
Ohne den Kopf zu drehen, lachte er auf. Und er konnte das Lächeln in ihrer Stimme hören, als sie leise zupfend in der Gemeinen Sprache sagte: »Eine Sekunde lang dachte ich, ich müsste nur mit meiner alten Oud einen Pferdedieb verjagen.«
»Hast du etwa keine Wurfspieße bei dir?«, fragte der Wanderer. Seine Stimme war fast so rau wie seine Hände. Er räusperte sich.
Sie schlug die ersten Töne eines Liedes an und erwiderte mit ihrer weichen, tiefen Stimme: »Du kennst mich doch. Ich bin durch und durch Pazifistin.«
Noch einmal lachte er laut auf. Er drehte sich um.
Sah sie an.
Mit der Oud vor dem Körper stand sie vor ihm und zupfte mit langen, starken Fingern an den Saiten ihres Instruments, dieser entfernten Verwandten der Laute. Hochgewachsen und drahtig war die Bardin, das Haar so dunkel wie die Augen, die Fäuste so treffsicher wie ihre Worte. Sie trug eine enge schwarze Hose, darüber eine Tunika und ihre liebste Tassel aus feinster dunkelroter Wolle.
Er war ungefähr so groß wie sie, und in seinen Augen war sie wunderschön – ihr Körper, ihre Stimme, ihre achtlos geflochtenen Haare. Aber am meisten faszinierten ihn ihr Gesicht, ihr Lächeln und diese langen Finger mit den schwieligen Spitzen. Ihr raues Lachen – denn sie zog das Lachen stets dem Lächeln vor und das freche Grinsen noch dem Lachen.
»Estela vos sal, Caer«, begrüßte er sie in einer ihrer Lieblingssprachen, Pausian, gesprochen in einem Land an der Küste, südlich dieser Berge, das sie beide seit so vielen Jahren nicht mehr besucht hatten.
»Amics, ben sias benvengutz ara tornats sai«, antwortete Caer in derselben Sprache. Und dann grinste sie und fügte voller Überschwang hinzu: »Willkommen zu Hause, Weyd!«
Lächelnd ging der Wanderer auf die Bardin zu. Als er sie an sich drückte, begriff er endlich, dass er tatsächlich zu Hause war.
Und während die beiden einander umarmten, drangen die Schatten am anderen Ende des Tals weiter vor. Dichter und immer dichter schoben sie sich an das Dorf Festra heran, das Dorf direkt am Pass, dreißig Meilen von der Poststation entfernt.
Caer drückte dem Wanderer die Oud in die Hand und nahm ihm die Satteltaschen mit den Nahrungsmitteln ab. Dabei schnupperte sie an den Lederklappen, um herauszufinden, was er mitgebracht hatte, womit sie ihm ein weiteres Lachen entlockte. Befreit klang es. Erleichtert. Weit hatte er das Tal von Schur hinter sich gelassen, um die Nahrung zu erstehen, in freundlicheren Gefilden am Fuß der Berge.
Und während Caer und Weyd die Tür des Posthauses hinter sich zuzogen, setzten sich die Bewohner von Festra in ihren Bet-ten auf, von der Ahnung geweckt, draußen etwas gehört zu haben.
Die Kräuterfrau, die Stria, schreckte als Erste hoch. Ihr Wissen um die Kraft der Pflanzen und die Tatsache, dass sie ein paar Worte in der Sprache des Wassers beherrschte, hatten ihr diesen Ehrentitel eingebracht. Nur ein Sohn und eine Tochter hatten es bis ins Erwachsenenalter geschafft, und beide wohnten nun bei ihr, nachdem auch deren Kinder alle tot und begraben hinter dem Haus ruhten.
Die Alte schob die nackten Füße aus dem Bett und schlich zur Tür ihres Häuschens. Mit angehaltenem Atem lauschte sie, spürte, wie die kalte Winterluft den Schweiß auf ihrer Haut trocknete.
Und jenseits der Tür glitt ein Schatten heran, lautlos und sanft.
Vierzehn Schatten fielen in Festra ein, glitten zu den Häusern rund um den Markplatz, lautlos und zart wie ein Nebelstreif.
Viele Meilen weiter südlich verriegelte Weyd die Haustür hinter sich. Caer schleppte die Satteltaschen in die Küche, die selbst ihren starken Muskeln einiges abverlangten, während Weyd im Lesezimmer das Willkommenslicht löschte.
Die Poststation bestand aus zwei großen Räumen, dem Lesezimmer vorn und der lang gezogenen Küche hinten, an die sich noch ein Waschraum anschloss. Im Lesezimmer lehrten sie die Talbewohner an manchen Tagen fremde Sprachen. Denn benötigte man etwas von Feuer, Wasser, Tieren, Luft oder Klang, eigentlich von allem, was diese Welt durchstreifte, in ihr wuchs oder auch nur existierte, so musste man seine Sprache lernen und höflich bitten. Manchmal half das. Manchmal nicht. In dieser Hinsicht hatte die Welt Ähnlichkeit mit den Menschen. Es kamen nicht viele zu ihnen in das Lesezimmer, denn in Schur begegneten viele fremden Sprachen mit Misstrauen, und wer sie beherrschte, galt schon beinahe als Entwurzelter. So blieb dieser Raum selbst am Tag oft leer, und nachts war er düster und kalt, weshalb Weyd Caer eilig in die Küche folgte.
Sobald er über die Schwelle trat, schlugen ihm Licht und Wärme entgegen, strichen sanft über seine schmerzenden Füße und die müden Schultern. Hier nun war es endlich warm und trocken, und mehr als das: Über dem gefliesten Kamin war eine Seekarte an die weiß verputzte Wand gemalt, in der Ecke stand ein hölzernes Bett, und die Mitte des Raums wurde von einem wuchtigen Tisch beherrscht. In den Regalen lagerten Gewürze aus all den Ländern, die der Wanderer bereist hatte; Thymian, Salbei und getrocknete Lorbeerzweige hingen von der Decke herab. Und vor allem waren hier seine Gefährten.
Zuerst ging er zu Bahr der Seefahrerin, eine kräftige Frau mit den grauen Locken und den blassen Brandnarben an Hals und Handgelenken, die gerade am Feuer beschäftigt war. »Wie geht es dir, Bahr?«, fragte er sie und legte ihr eine Hand auf die Stirn. Bei seiner Abreise hatte sie an einem Fieber gelitten. Sie schlug seine Hand weg und zog ihn in ihre Arme, bestimmt mit der Absicht, ihm sämtliche Knochen im Leib zu brechen.
»Kannst von Glück sagen, dass ich’s geschafft hab, dir noch ein paar von den gerösteten Kastanien aufzuheben, so spät bist du dran!«, brummte sie. »Nichts als Ärger hat man mit euch Wanderern.«
Lachend löste er sich von ihr. »Immerzu wollen wir fort«, bestätigte er. »Ganz wie ihr Seefahrer!«
»Unverschämtheit«, murmelte Bahr, hielt ihn aber noch immer fest im Arm. Der Schein des Feuers zeigte ihm, dass sie wieder kräftiger aussah; ihre umbrabraune Haut schimmerte im Licht, war aber nicht mehr von kaltem Schweiß bedeckt. Und sie war wieder so bärbeißig, wie sie sich am wohlsten fühlte. Zufrieden ließ Weyd sie los.
Sofort wandte Bahr sich wieder dem Feuer zu und sprach leise auf die Flammen ein, um sie dazu zu bewegen, nicht allzu viel Qualm zu produzieren. Nun konzentrierte sich Weyd ganz auf den alten Jori, der bereits auf ihn zukam. Als Erstes untersuchte er den Verband an Joris Hand, der in sauberem Weiß leuchtete. Jori ließ sich diese Fürsorge gefallen, er genoss sie sogar, denn er legte seine faltigen Hände an Weyds Wangen und drückte einen herzlichen Kuss darauf.
»Siehst du, mein Junge, solange ich dein Gesicht noch packen kann, ist es nur halb so schlimm«, verkündete er fröhlich. »Meine Finger sind so gut wie neu, und dieser kleine Zwischenfall mit Bahrs besten Küchenmessern ist schon halb vergessen. Ich hätte sogar schon wieder unterrichten und die lästigen, fremdartigen Worte aus der Sprache der Murmeltiere und Mäuse an die Tafel im Lesezimmer schreiben können, wenn irgendeiner dieser Talbewohner mal hier aufgetaucht wäre.«
Seine Stimme klang unbeschwert und volltönend. Niemand wusste, wie alt er genau war – nicht einmal er selbst – , doch er sagte oft scherzhaft, er sei älter als so mancher Stern. In seinen Augen lag stets ein schalkhaftes Funkeln, sein weißes Haar war stets zerzaust, seine Ohren riesig und das Gesicht mit dunklen Altersflecken übersät. Auf dem Kopf trug er einen Hut mit einer Feder, die ein prachtvoller blauer Vogel in den Bergen ihm freiwillig überlassen hatte, denn Jori beherrschte die Sprachen fast aller Tiere zu Land und zu Wasser und wäre eher gestorben, als einem von ihnen ein Haar zu krümmen, weshalb in der Poststation auch kein Fleisch auf den Tisch kam.
Weyd wandte sich dem letzten Mitglied ihrer kleinen Schar zu und beugte sich zu Bellitas hinunter, der neben dem Tisch saß und interessiert die Rüben, Kartoffeln, Kohlrabi und Kohlköpfe musterte, die Caer gerade auspackte. Jori hatte eines Tages mit dem weißen Fuchs Freundschaft geschlossen, der nun tagsüber meist schlafend bei ihnen am Feuer lag, um nachts im Tal auf Jagd zu gehen, wobei er so weite Kreise zog, dass er sogar bis zum Pass und bis nach Festra streifte. Bellitas ließ sich von Weyd den Rücken streicheln und unter dem Kinn kraulen, doch selbst als ein wohliges, leises Schnurren Weyds Finger vibrieren ließ, verharrte der scharfe Blick des Tieres auf den Satteltaschen. Offenbar hatte sein Geruchssinn dem Fuchs bereits verraten, dass ganz unten in den Taschen noch einige Winterbeeren warteten. In Bezug auf die angenehmen Dinge des Lebens war Bellitas wahrhaft unersättlich, seien es nun Essen, Trinken, Streicheleinheiten oder Musik.
»Gehst du heute gar nicht auf die Jagd, mein Freund?«, erkundigte sich Weyd in der Gemeinen Sprache, denn so viele menschliche Sprachen des Kontinents er auch beherrschte, die Sprachen der Tiere gehörte nicht dazu. Bellitas hingegen verstand die Gemeine Sprache der Menschen zumindest gut genug, um nun seine Hand zu lecken, wohl auch, weil sie schön salzig schmeckte. Nein, der Fuchs war in dieser Nacht nicht auf die Jagd gegangen, denn die liebevolle Aufmerksamkeit hier in der Poststation war der Wildnis draußen doch eindeutig vorzuziehen. Wäre er gegangen, so hätten sie ihn niemals wiedergesehen, denn er wäre auf vierzehn lautlose, unüberwindbare Schatten gestoßen. Und die Bewohner der Poststation ertrugen Verluste nur schwer. Die meisten von ihnen hatten bereits zu viel verloren, bevor sie Teil dieser bunten Schar wurden, in der man gemeinsam allen Gefahren trotzte, manchmal sogar dem eigenen Wahn.
In Festra stieß die Stria den Atem aus und wandte sich von der Tür ab. Selbst dieses zarte Geräusch hallte dröhnend laut in der Nacht wider. So leise wie möglich schlich sie zu ihrem Bett zurück und zog ein altes Schwert darunter hervor. Gehegt und gepflegt hatte sie es, wie ihre Kinder, die der Tod geholt hatte. Schnell warf sie sich einen Umhang über, bevor sie sich in der Dunkelheit ihrer Tochter und ihrem Sohn zuwandte.
In der Poststation ging Caer zu Weyd hinüber, zog ihm die Rei-setassel von den Schultern und scheuchte ihn zu einem Stuhl. »Macht Platz für unseren strahlenden Leitstern, ihr Bauern! Macht Platz für den Wanderer! Macht Platz für Weyd den Weltenbummler!«, rief sie in der Gemeinen Sprache, der einzigen, die sie alle verstanden.
»Schrei nicht so, midons«, mahnte Weyd gutmütig. »Obwohl deinesgleichen wahrscheinlich gar nicht dazu in der Lage ist, leise Töne anzuschlagen.«
»Leck mich, mos segurs«, erwiderte sie freundlich, und benutzte den Kosenamen, mit dem sie ihn so gern aufzog. »Überlass es den Menschen in Schur, mich Krähe zu schimpfen und nachts nur zu flüstern, und setz dich endlich.«
»Ich würde mich geehrt fühlen, wenn man mich als Krähe bezeichnen würde«, stellte Jori wie schon so oft fest. Caer schnaubte nur und warf dem Alten die Tassel des Wanderers zu, der sie grinsend am Feuer aufhängte. Dann schlug Caer Weyd noch einmal kräftig auf die Schulter, bevor sie ebenfalls zum Kamin ging, sich kurz die Hände wärmte und die brummige Bahr in eine feste Umarmung zog, ob es der Seefahrerin nun passte oder nicht. Hin und wieder bezeichnete Caer Weyd als ihren Leitstern, als strahlendes Licht, oder sie sang die Balladen, die bereits von dem Wanderer berichteten, was Weyd aus nur ihm bekannten Gründen von Herzen verabscheute. Er rächte sich dann, indem er sie midons nannte und laut die Vorzüge von Ruhe und Frieden betonte. Selbstverständlich ließ sie sich dadurch nicht abschrecken, dazu machte es ihr und den anderen viel zu viel Spaß, ihn zu triezen, wo er doch oft so still war, sein Lächeln und seine Lieder so traurig.
Doch nicht heute. Heute ließ sich Weyd mit einem zufriedenen Ächzen auf den Stuhl fallen. Endlich, endlich konnte er die Stiefel ausziehen und die langen Beine den wärmenden Flammen entgegenstrecken.
Caer ließ sich im Schneidersitz an dem behaglich prasselnden Feuer nieder, legte ihre Oud auf ihren Schoß und bat den Klang, nicht weiter vorzudringen als bis zur Tür. Sie beherrschte die Sprache der Klänge, und keiner von ihnen hatte Lust, sich plötzlich einer Horde von Holzfällern mit gezückten Äxten gegenüberzusehen. Mit den Holzfällern von Schur sollte man sich nicht anlegen, denn es gab enorm viele von ihnen, und sie brachten allen Entwurzelten ein tiefes Misstrauen entgegen. Denn der Baron selbst hatte mit Gesten großen Bedauerns sichergestellt, Jahr für Jahr, dass sie wussten, wie leicht sie zu ersetzen waren, durch wandernde Arbeiter, die im Frühling zuhauf den Pass hinaufkommen würden.
Deshalb sorgte die Bardin dafür, dass von ihrem Lied nichts nach außen drang. Sobald der Klang sein Einverständnis gegeben hatte, stimmte sie eine fröhliche Melodie an. Sie sang eine Ballade von der schönen weiten Welt dort draußen. Und Jori legte Weyd den Arm um die Schultern, während Bahr die Seefahrerin den Fuchs Bellitas mit saftigen roten Beeren fütterte, die so herrlich auf der Zunge zerplatzten, und sie gemeinsam dem Gesang der Bardin lauschten, untermalt von dem Knacken der Kastanien über dem Feuer.

Die Stria von Festra hatte kein Feuer. Sie konnte nur mit steifen Fingern ihr Schwert packen und ihre Kinder wecken. Fest drückte sie die Hand auf ihre Münder, damit sie bloß keinen Laut von sich gaben.
Vor der Tür glitten die Schatten heran.
Nur ein Schritt zur Tür. Ein langsamer Schritt. Und dann noch einer.
Lautlos näherten sich die Stria und ihre Kinder der Hintertür, den Blick unverwandt auf die Haustür gerichtet. Kaum ein Atemzug schaffte es über ihre Lippen.
Draußen.
Schatten an der Schwelle.
Sie waren bereit.
Die Stria und ihre Kinder stahlen sich durch die Hintertür, als in Festra das erste Zischen ertönte, das erste dumpfe Dröhnen, das erste Flüstern. Das Zischen einer Flamme, die unter einem Wasserstrahl erstickt. Das dumpfe Dröhnen der Trommeln in den tiefsten Tiefen der Berge. Das Flüstern, rau und unverständlich. Nur spüren konnte man es, denn es legte sich um das Herz und ließ es erstarren. Die Stria legte eine Hand an die Brust, wo doch eigentlich ihr Herz schlagen sollte. Stattdessen spürte sie nur entsetzliche Stille.
Für einen Moment stand sie nur da, wie betäubt.
Die Stille.
Und in der Stille das Flüstern. Das Dröhnen. Das Zischen.
Die Schatten waren gekommen.

Wayfarer-Saga 2

Das Flüstern des Zwielilchts

Wanderer Weyd begibt sich mit seinen Gefährten auf die Reise zu den legendären Türmen des Lichts. Seine Waffe gegen die monströsen Schatten ist keine Armee, sondern ein uraltes Lied – doch wird es die Helden schützen? Denn diesmal kann die Bardin Caer ihre Stimme nicht gegen ihre Feinde erheben. Dabei lauert ihnen ein Gegner auf, der finsterer ist als jeder Schatten ...

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Leseprobe

Das Flüstern des Zwielichts

Ihr seid also an mein Feuer zurückgekehrt.
Hell und warm brennt es, während die Abenddämmerung den Himmel mit tiefem Blau überzieht und die Bäume und den Pfad schwärzt, auf dem ihr zu mir gekommen seid. Ihr habt euch nicht in den Tiefen der Wälder verirrt. Ihr habt euch nicht schrecken lassen von den Narben in meinem Gesicht und den Blutflecken auf meinem Mantel. Ihr sitzt wieder an meinem Feuer, hier in der Abenddämmerung.
Seid ihr im Zwielicht gekommen, weil ihr befürchtet habt, ihr könntet euch des Nachts zwischen den Bäumen verlieren?
Denn das geschieht nur allzu leicht. Ihr verlasst den Weg, eure Füße tragen euch fort von eurem Pfad, einen Moment lang gebt ihr nicht acht und bemerkt euren Fehler erst, wenn ihr schon tief im Wald steht.
Oder seid ihr im Zwielicht gekommen, weil ihr es gehört habt?
Habt ihr mein Lied gehört?
Denn die Abenddämmerung ist die Stunde, in der die Geschichten erwachen.
Wenn der erste Stern am Himmel erscheint, hell und silbern schimmernd, beginnen sie zu flüstern.
Sie wispern.
Sie singen.
Sie erwarten euch.
Rückt dichter ans Feuer heran. Schert euch nicht um meine Tränen, um mein Lächeln. Rückt dichter heran, dann singe ich euch ein Lied, erzähle euch eine Geschichte. Sie beginnt an einer alten Straße, im schwindenden Zwielicht. Sie beginnt in der Stadt, die der Finsternis der Nacht anheimfällt, der Finsternis des Krieges. Sie beginnt mit Reisenden, leise singenden Reisenden, guten Freunden, denen noch nicht bewusst ist, wie leicht man vom Weg abkommen kann. Vor allem in der Dämmerung, wenn die Geschichten locken, wenn die Lieder rufen, wenn ein Raunen in der Luft liegt, ohne dass man wüsste, wer dort spricht.
Rückt dichter heran.
Und hört mir zu.
Wer ist das?
Wer wispert dort?

1
Reiter

Ein Fremder kam den Grauen Pfad entlang.
Es war ein Mann, entschieden die meisten, die ihn vorbeiziehen sahen. Heutzutage wagte sich niemand mehr nach Anbruch der Dämmerung auf die Straße, denn eigentümlich waren die Tage und schrecklich die Nächte, seit die Schatten sich erhoben hatten. Des Nachts waren sie erschienen, mit ihren Schwertern aus Feuer, grellweiß und so kalt. Abgeschlachtet hatten sie alles, was lebte – kleine Kinder, alte Frauen, stolze Rösser. Die Ziegen, die den Menschen brav ihre Milch gaben. Manche behaupteten, man könne sich schützen gegen die Schatten, indem man sich hinter Mauern aus Stein und Toren aus Eisen verschanzte. Wieder andere erzählten, es gebe ein Lied, das als Schild diene, aber wer hatte schon jemals gesehen, dass ein Lied gegen eine Klinge schützte, eine strahlende, tödliche Klinge?
Lieber machten sich die Menschen hinter steinernen Mauern und eisernen Toren zu Gefangenen, in den Städten, Dörfern und Burgen, und so waren die Tage fremd und die Nächte finster. Denn des Nachts wisperte die Furcht, kroch in ihre Häuser und Hütten, schob ihre langen, dürren Tentakel in jede Schlafkammer. Sie raunte und flüsterte, wie sie es schon immer getan hatte in den ach so finsteren Nächten, die weder Mond noch Sterne erhellten. Legenden besagten, dass die Nächte einst hell gewesen waren, geleuchtet hatten durch den Mond und die Sterne, als die Feuer noch brannten in den Türmen des Lichts, als die Glocken noch sangen. Als Feuer und Glockenklang die Finsternis und die Stille vertrieben, überall auf dem Kontinent Erebu.
Aber niemand wusste, ob er diesen Legenden Glauben schenken sollte, wo die Nächte doch so finster waren und die Schatten so tödlich.
Deshalb war es umso merkwürdiger, nun diesen Fremden auf der Straße zu sehen. Einst hatte man sie den Westlichen Weg genannt, als sie sich noch breit und stolz durch die Lande erstreckt hatte, als ihr weißer Stein noch gepflegt und instand gehalten worden war. Heute nannte man sie den Grauen Pfad, oder einfach nur den Pfad, denn es war kaum noch etwas geblieben von den vielen Wegen und Handelsrouten, die einst den gesamten Kontinent durchzogen hatten.
Nahe der kleinen Stadt Ricoldinchuson sah man den Fremden zum ersten Mal, bei einem Bauernhof, dessen Bewohner hinausgingen aufs Feld, sobald das erste Licht durch den Morgennebel drang. Sie beackerten die Scholle, hofften eine Ernte einfahren zu können, auch wenn Nacht für Nacht die Schatten über sie herfielen. Jemand musste ja das Land bestellen und Nahrung für Ricoldinchuson anbauen, hinter dessen Stadtmauern sich auch die Bewohner jenes Hofes versteckten, nachts, wenn die Schatten erschienen. Sie mussten es zumindest versuchen, sonst würde der Hunger sie während der Belagerung durch die Schatten ebenso sicher töten wie die Klingen aus Feuer, so weiß und kalt.
Der älteste und der jüngste Bewohner des Hofes waren im Obstgarten und spazierten zwischen den Apfelbäumen einher. Großvater und Enkelsohn waren sie, und sie unterhielten sich in der Sprache des südlichen Königreiches Sapaudia, aus dem der Großvater als Kind mit seinen Eltern geflohen war, die auf der Suche nach Arbeit mit ihm nach Norden zogen.
Der Enkel sah den Fremden als Erster.
»Guarda, nonnus!«
Er zeigte zur Straße, und sein Großvater hob den Kopf und erblickte ihn. Sah den Fremden, der in der Morgendämmerung unterwegs war.
Zu Pferde reiste er. Einen Mantel trug er, einen langen grauen Mantel. Sein Pferd war groß und prächtig.
Und er schien zu singen.
Sofort atmeten die beiden auf, denn das war keine Armee. Die Eiserne Armee sei auf dem Vormarsch, erzählten die Leute, doch das hier war nicht die Eiserne Armee, unter deren Ansturm Ricoldinchuson innerhalb eines halben Tages fallen würde. Nicht die Armee von Lurin, dem Eisernen Baron.
Nein, das war sie nicht.
Nur ein einzelner Reiter. Ein Reiter, der sang. Auch wenn der Großvater die Worte des Liedes nicht ausmachen konnte. Sein Enkelsohn ebenfalls nicht. Leise schlichen sie bis zu der Hecke, die den Obstgarten von der Straße trennte. Traurig klang das Lied. Als würde der Reisende von längst vergangenen Zeiten singen, einer längst verlorenen Liebe, einer Heimat, die nicht mehr aufzufinden war. Und während sie heranschlichen, um dem Lied des einsamen Reiters zu lauschen, marschierte viele Meilen weiter südlich eine Armee über den Grauen Pfad.
Eine Armee, ganz in Eisen gewandet, die Rüstungen geschmiedet aus schwarzem, starkem Metall. Fackeln trugen die Männer, und wenn sie abends ihr Lager aufschlugen, sangen sie das Lied der Nacht. Im Licht des Tages marschierten sie über die Straße, brannten die Felder nieder, die von den Schatten verschont worden waren, überließen Gärten und Höfe und Mühlen den Flammen. Den Kopf der Königin von Allaith hatten sie auf einen Spieß gesteckt, und gelacht hatten sie, als sie durch ihr Königreich mar-schierten, denn für sie war es so klein, dass es nicht einmal als richtiges Land zählte. Im Winter wären sie wieder daheim, glaubten diese Soldaten, die dort über den Grauen Pfad marschierten. Eine Frau war unter ihnen, eine Frau, die am lautesten von allen gelacht hatte, als sie den Kopf der Königin auf den Spieß steckte. Lauter als alle anderen hatte sie gelacht, denn sie wusste, dass sie stark erscheinen musste, sollte ihr Kopf nicht der Nächste sein. Bigna war ihr Name. Bis sie den Kopf einer Königin aufgespießt hatte, war sie einfacher Soldat gewesen, doch als der Baron das sah, befahl er, ihr ein Pferd und einen Rang zu geben, der ihrem Eifer entsprach. Und so ritt nun Leutnant Bigna über den Grauen Pfad, den Blick starr nach vorn gerichtet, wo der Baron und sein Hauptmann mit ihren eisernen Helmen ritten. Eine lange graue Feder trug der Hauptmann an seinem Helm, und diese Feder wollte Bigna unbedingt haben. Denn eines stand für sie fest: Niemand würde es wagen, den Hauptmann der Eisernen gegen seinen Willen anzufassen. Die Armee steuerte auf ein Dorf zu. Hell leuchteten ihre Fackeln in der Dämmerung. Bigna reckte ihre in die Höhe, während sie das Tempo beschleunigte. Während sie auf das Dorf zugaloppierte.
Sie würde dafür sorgen, dass Schur stolz auf sie war.
Viele Meilen weiter nördlich lauschten Großvater und Enkel darauf, wie der Fremde sich auf dem Grauen Pfad näherte. Vielleicht brachte er Neuigkeiten. Neuigkeiten, die von Frieden kündeten. Von dem Lied, das ein Schutzschild sein sollte. Neuigkeiten aus der Stadt Briva. Briva der Blauen, so stolz und so schön. Briva, der Stadt der Brücken. Briva, der Stadt der Schiffe. Briva, der Stadt des Brotes, des köstlichsten Brotes, das je gebacken wurde. Der Großvater kannte ein Lied darüber. Eine Bardin hatte es in Ricoldinchuson zum Besten gegeben, mit dieser wundervollen Stimme, als sein Enkel noch ein kleiner Wurm gewesen war. Nun zählte der Junge bereits fünf Lenze, und er kannte das Lied auswendig, weil sein Großvater es ihm so oft vorgesungen hatte.
Der Reiter allerdings sang ein anderes Lied.
Warum dröhnt der Hufschlag laut, so laut
aus dem Tale zu mir herauf?
Das sind nur die Bauern und Tölpel, mein Kind,
nur die Bauern kommen herauf.

Es klang wie ein Klagelied.
»Nonnus«, sagte der Enkel und zeigte auf seine Füße. Dünn und fahl klang seine Stimme, so fahl wie der Umhang des Reiters. Der Großvater blickte zu Boden.
Mit einem Mal krochen unzählige Spinnen über die Erde, mit langen, dünnen Beinen, und graue, zuckende Kellerasseln. Über ihre Schuhspitzen krochen sie, über ihre Füße.
Durch die Hecke kamen sie.
In den Garten hinein liefen sie.
Warum dringt Lärmen laut, so laut
über die Straße zu mir heran?
Das sind nur die Boten und Herolde, Kind,
nur die Herolde kommen heran.

Und dann hörten sie das Rauschen unzähliger Flügel, ein lautes Tosen, als wäre plötzlich ein Sturm losgebrochen. Großvater und Enkel hoben den Kopf. Überall stiegen Vögel aus den Bäumen auf und schwangen sich in die Lüfte. Hektisch flatterten sie, flogen davon so schnell sie konnten, schossen über den Garten hinweg.
»Sind das die Schatten, nonnus?«, fragte der Enkel.
Der Großvater sah sich um. Der Morgen war angebrochen. Es konnten nicht die Schatten sein, die erhoben sich nur des Nachts.
Welch Gestalt seh ich vor mir, klar, so klar,
welch Gestalt kommt im Zwielicht heran?
Das ist nur ein einsamer Reiter, mein Kind,
ein grauer Reiter trabet heran.

»Komm.« Der Großvater nahm seinen Enkelsohn an die Hand. »Komm, wir müssen nach Ricoldinchuson zurück.«
Und auch dem Fremden auf dem Grauen Pfad rief er es zu. In der Gemeinen Sprache rief er: »Guter Mann! Komm mit uns, zurück in die Stadt!«
Und der Fremde hielt an.
Tief in seinem Inneren begann der Großvater zu zittern.
Der Reiter sang noch immer.
Warum fühl ich in mir die Furcht so stark,
wenn im Zwielicht er trabet heran?
Schließ die Augen nun, schließ die Augen, mein Kind,
der Fahle Reiter trabet heran.

Sehr lange schon lebte der Großvater in dieser Welt. Sehr lange war er selbst ein Fremder gewesen, hatte viel Freundlichkeit erfahren von Menschen, die ihn aufgenommen hatten, auch hier in Ricoldinchuson, wo er zunächst in den Minen gearbeitet hatte, bevor er sein eigenes Gehöft bezog. Fremdes machte ihm keine Angst.
Aber nun, nun regte sich Furcht in ihm, ohne dass er gewusst hätte warum.
Denn dieser Reiter, er klang doch nur traurig. Falls es ein Er war. Die Stimme hätte ebenso zu einem Mann wie zu einer Frau gehören können, und sie klang schrecklich einsam.
Viele Meilen weiter südlich trieb Bigna ihr Pferd voran. Sie überholte ihre Kameraden. Sie wollte die Erste sein. Selbst den Hauptmann und den Baron überholte sie.
»Für Schur!«, brüllte sie, als sie in das Dorf preschte. In dem noch Menschen waren.
Sie zog ihren Pallasch.
Viele Meilen weiter im Norden packte der Großvater seinen Enkelsohn an den Schultern. »Komm, guter Reisender! Es könnten die Schatten sein, von denen du gewiss schon gehört hast. Komm mit nach Ricoldinchuson! Der Bürgermeister wird dich sicher dort aufnehmen.«
Der Reiter setzte sich wieder in Bewegung. Langsam und schweigend ritt er zu dem Tor in der Hecke.
Und als der Reiter sich dem Tor näherte, sahen sie ihn zum ersten Mal ganz deutlich.
Der Großvater wich einen Schritt zurück, hätte beinahe das Gleichgewicht verloren.
Das war kein Reiter. Es hatte den Anschein, aber nun sah er keinen Mann vor sich. Auch keine Frau verbarg sich in dem fahlen grauen Mantel. Nein, er sah seinen Enkel vor sich.
Seinen Enkel, mit leerem Blick, mit getrocknetem Blut im Gesicht, das Genick gebrochen wie ein trockener Zweig.
Er sah seinen Enkel vor sich, und sein Enkel war tot.
Und dann sah er nicht mehr seinen Enkelsohn vor sich, sondern seine Enkeltochter.
Seine Älteste, deren Haar so dunkel war, deren Blick so grimmig. Und dann die Zweitälteste mit dem kräftigen Kinn und der Vorliebe für Äpfel.
Und dann kamen die dritte, die vierte, die fünfte Enkeltochter, dann die sechste und die siebte.
Und dann sah er sich selbst.
Sich selbst, wie er tot und leblos lag.
Er stieß ein ersticktes Geräusch aus, ein Keuchen, bevor er sich abwandte und floh, seinen Enkel hinter sich herschleifend. Seinen Enkel, in dessen weit aufgerissenen Augen die blanke Furcht flackerte. Denn er hatte eine Gestalt gesehen,
so finster,
so entsetzlich,
dass der bloße Anblick
ihm das Augenlicht geraubt hatte.
»Lauft!«
In der Gemeinen Sprache rief der Großvater es, damit alle Menschen auf dem Hof – von denen einige zu seiner Familie ge-hörten, andere seine Freunde waren – es verstehen konnten. Retten, er wollte sie alle retten. Und in der Sprache seiner Kindheit rief er es, laut und schrill: »Correre!«
Auf den Feldern hörten sie ihn. Sie legten ihre Hacken und Gabeln und Harken und Schaufeln weg. Sie blickten hoch und sahen die Vögel. Sie sahen, wie Vögel die Flucht ergriffen.
Die älteste Enkeltochter mit dem dunklen Haar und dem grim-migen Blick ließ alles fallen und rannte los, rief den anderen zu, dass sie ihr folgen sollten. Zurück in die Stadt.
Die Zweitälteste mit dem kräftigen Kinn und der Vorliebe für Äpfel blickte zum Garten hinüber, wandte sich um und lief zu ihrem Großvater und ihrem kleinen veter.
Wie gejagt stürmte sie los und rief: »Veter! Ahn!«
Der Großvater hatte seinen Enkelsohn hinter sich hergezogen. Nun hörte der Junge die Stimme und antwortete: »Muhme!«
Hufschlag dröhnte hinter dem Großvater. Hufschlag, der näher und näher kam.
Hastig schob er seinen Enkel vor sich her.
»Lauf, mein Junge!«
Aber der Junge konnte nicht weglaufen. Ängstlich klammerte er sich an die Hand des Großvaters. »Ich kann nicht, ahn! Ich kann nichts sehen!«
Nun erreichte die Enkeltochter den Garten.
Sah es.
Sah, wie ahn und veter auf sie zurannten.
Sah, wie hinter ihnen ein Reiter auftauchte.
Zumindest für einen Moment.
Dann sah sie keinen Reiter mehr. Sie sah einen Mann mit übermütigem Lächeln und Augen, die Alkohol und Lust mit einem glasigen Film überzogen hatten. Einen Mann mit einem eleganten Hut und ach so weichen Handschuhen.
Diesen Mann hatte sie seit vielen, vielen Jahren nicht mehr gesehen.
Sie wusste, dass er tot war. Sie selbst hatte den Stein genommen und damit auf seinen Schädel eingeschlagen, bis er aufgeplatzt war.
Und nun war er zurück, der Mann mit den starken Händen, die doch so weich waren. Er war zurück, und er wollte sie holen.
Wollte sich noch mehr holen.
Also hob sie noch einmal einen Stein vom Boden auf. Ging da-mit auf ihn zu.
Ahn und veter hielten weiter auf sie zu. Der Mann hatte sie fast eingeholt. Und trotzdem war sein Blick starr auf sie gerichtet. Gier brannte in seinen Augen. Nun hörte sie auch seine Stimme. Ganz leise flüsterte sie, dicht an ihrem Ohr.
Wenn du schreist, wenn du nur einen Mucks machst, werde ich dich töten.
Ja, sie hörte ihn. Neben sich, über sich. Spürte ihn in sich, wie er ihr Innerstes zu zerfetzen drohte.
Er lächelte.
Du kannst mir nicht entkommen.
Sie warf den Stein nach ihm.
Er blieb stehen. Stöhnte. Als er den Kopf hob, zog sich eine große Platzwunde über sein Gesicht.
Jetzt lächelte er nicht mehr. Jetzt war er wütend. So wütend wie damals, als er beide Hände um ihre Kehle geschlungen und sie gewürgt hatte. Als er ihr ins Gesicht gespuckt hatte, nachdem er sie vergewaltigt hatte.
Als wollte er sie umbringen.
Die Furcht durchfuhr sie so heftig, dass sie zurückwich.
»Lauf!«, rief ihr Großvater. »Kein Stein wird uns retten!«
Sie gehorchte. Sie alle flohen.
Und hinter ihnen dröhnte der Hufschlag.
Der Reiter war schneller als sie.
Schnell war der Reiter, und schnell war die Armee, die viele, viele Meilen weiter südlich über den Grauen Pfad marschierte. Die Armee, in der Bigna, einst Fußsoldat und nun Leutnant, ritt. Singend ließ sie vom Pferderücken herab ihren Pallasch tanzen. Direkt vor ihr rannte ein Mann auf den Dorfplatz. Sie ritt ihn einfach nieder. »Für Schur!«, brüllte sie, unterstützt von vielen Stimmen. So vielen Stimmen. Und nun gellten auch die drimbas. Viele, viele drimbas erklangen laut und schrill in der Morgendämmerung.
Und während die Armee das Dorf stürmte und alles niedermachte, was noch nicht geflohen war, hielt der Reiter auf den Großvater zu, den Enkelsohn, die Enkeltochter. In donnerndem Galopp verfolgte er die Bauern von Ricoldinchuson.
Furcht packte den Großvater. Eine so schreckliche Furcht, dass sie sein Herz erzittern ließ. Erzittern, dann innehalten. Sein Körper verkrampfte sich.
Er stürzte.
Stürzte und zog seinen Enkelsohn mit sich.
Fünf Jahre war sein Enkelsohn alt. Der Junge beugte sich über den Großvater. Zerrte an ihm. Schüttelte ihn. »Komm, ahn! Wir müssen weiterlaufen!« Mit aller Kraft zog der Junge an seinem Ohr. Diesem zerbrechlichen Ohr, aus dem weiße Haare herauswuchsen. Er versuchte, sich den Alten auf die Schultern zu laden, aber er war nicht stark genug. Schließlich drehte er sich um.
Der Reiter kam heran.
Wieder spürte der Junge diese schreckliche Gestalt vor sich. Diese vollkommen unbegreifliche Gestalt.
So
unfassbar
schrecklich.
Der Junge brach zusammen. Auch sein Herz hörte auf zu schlagen.
Und die Enkeltochter sah es voller Grauen.
Nun wandte sich der Reiter ihr zu. Nun kam der Reiter zu ihr hinüber.
Er kam zu ihr.
Hastig wich sie zurück, wirbelte herum und rannte weiter.
Dreh dich nicht um, befahl sie sich.
Dreh dich nicht um!
Schnell rannte sie, und schnell galoppierte viele Meilen südlich Bigna, der Eiserne Leutnant, durch das Dorf. Im gestreckten Galopp schwang sie ihren Pallasch, tötete, setzte mit ihrer Fackel jedes Haus in Brand, das sie passierte.
»Verschont die Bäume!«, rief Lurin, der Eiserne Baron. »Denkt daran: Wir lieben unsere Bäume in Schur, wir lieben unsere Erde. Also verschont die Bäume!«
Und sie verschonte die Bäume. Stattdessen hielt sie ihre brennende Fackel an einen Mann, der sich keuchend auf der Erde wand und versuchte, vor ihr davonzukriechen.
Sie lachte, als die Flammen ihn verzehrten.
Sie lachte und sorgte dafür, dass der Baron es sah.
Im Norden, viele Meilen weiter im Norden, hatte der Reiter die Enkeltochter fast eingeholt. Und als sie seinen Atem im Nacken spürte, konnte sie nicht anders.
Sie drehte sich um.
Und wieder sah sie den Mann mit dem eleganten Hut und den feinen Handschuhen.
Mörderische Wut spiegelte sich in seinen Zügen.
Geilheit und Gier spiegelten sich in seinen Augen.
Ihr Herz raste,
raste,
und dann blieb es stehen.
Und auch sie stürzte.
Und der Reiter zügelte sein Pferd.
Der Reiter in dem grauen, fahlen Mantel. Der Reiter, der keine Waffe bei sich trug.
Nur dieses Lied.
Das Lied, das er mit so trauriger Stimme gesungen hatte.
Ganz allein stand der Reiter da.
Ganz allein stand er da und sah zu, wie die verbliebenen Bauern vor ihm flohen. Ganz allein stand er da und musterte die drei Toten auf der Erde.
Der Fahle Reiter trabet heran, heran,
der Fahle Reiter, er kommt zu dir.
Nun ist es bald vorüber, mein Kind,
denn der Tod, er trabet heran.
Der Tod, er kommt zu dir.

Reglos sah der Reiter zu, wie die Bauern sich nach Ricoldinchuson flüchteten.
Er folgte ihnen. Jeder Einzelne von ihnen fiel leblos zu Boden, noch bevor sie das Stadttor erreichten.
Der Reiter kehrte zurück auf den Grauen Pfad und setzte seinen Weg nach Süden fort.

Der Klang des Feuers

Wayfarer-Saga 3

Das große Finale der Wayfarer-Saga: Wird der Wanderer Weyd die Welt in die Dunkelheit stürzen?

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Leseprobe

1

Auf dem Weg

Silbern schimmerte der Graue Pfad im Schein des Mondes, im Licht der Sterne. Er wand sich durch den Norden, wo der Schnee selbst im Frühling nicht schmolz, wo schon die kleinste Laterne hell die Nacht erleuchtete, wo man die langen, finsteren Winter auch mit Feuer und Liedern kaum überlebte.
Etwas Fremdes spürte diese Straße.
Es reiste auf ihr.
Kroch auf ihr dahin.
Breitete sich aus.
Noch hatte es niemand gesehen, weder Mensch noch Tier. Zumindest niemand, der davon hätte berichten können.
Nur der Graue Pfad hatte es gesehen.
Jene Straße hatte es gesehen, die sich durch den Norden, in den Süden und gen Westen erstreckte. Jene einst so breite, stolze Straße. Jene Straße, die so weit im Norden stets einsam war, weil kaum jemand sie je bereiste. Niemand kannte sie in ihrer Gänze von Norden bis Süden.
Niemand außer ihm.
Auch jetzt war er der einzige Reisende auf dem Grauen Pfad. Ein großes, graues Pferd führte er am Zügel, und über ihm glitt eine Krähe dahin, die hin und wieder einen heiseren Schrei ausstieß. Schier undurchdringlich war der Wald um sie her, schier unerträglich die Kälte der Luft. So kalt war es, dass ihr Atem zu dichtem Nebel gefror, so kalt, dass Pferd und Mensch und Vogel zitterten. Wie eine weiße Decke hatte sich der Schnee über die kahlen Bäume gelegt, über die dunklen Nadeln der Tannen. Auch die Straße hatte er vereinnahmt, hatte aus dem Grauen Pfad wieder einen weißen gemacht. Solange der Wanderer das Lied der Nacht sang, warf der Schnee das Licht von Sternen und Mond zurück und ließ die Nacht auf seltsame Weise erstrahlen.
Weyd wickelte sich fester in seinen Mantel. Längst war dieser nicht mehr blau oder grau: Er hatte die Farben von Schlamm, Erde und Staub angenommen, von jedem Wald, durch den er gewandert, jedem Graben, in dem er in unruhigen Schlaf gesun-ken, jedem Bach, durch den er gewatet war.
Das Pferd an seiner Seite schnaubte.
»Ich weiß«, antwortete er. »Es dauert noch ein wenig, Blíkna. Erst kurz vor Sonnenaufgang werden wir in Hewsos sein.«
Wieder schnaubte Blíkna. Er blieb stehen. »Stimmt etwas nicht?«, fragte er leise. Wieder einmal schalt er sich dafür, nie die Sprache der Pferde gelernt zu haben. Der Wanderer sah sich auf der Straße um, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Also trat er dichter an Blíkna heran, drückte seine Stirn an die des Hengstes und strich langsam über seinen Hals.
»Ist schon gut«, flüsterte er. »Sicher fehlt er dir sehr.«
Ein nervöses Tänzeln war die Antwort.
»Mir fehlt er auch«, fuhr er ruhig fort. »Ja, mir fehlt er auch. Es fühlt sich an, als wären wir vollkommen allein, wir beide, nachdem es doch so aussah, als sollten wir es nicht mehr sein. Wir hatten einen Gefährten. Wir hatten Freunde. Wir waren eine Gemeinschaft.«
Noch einmal streichelte er den Hals des Pferdes. »Nun müssen wir ohne sie auskommen, auch wenn wir geglaubt haben, es würde nie wieder so sein. Aber sie sind fort, und wir müssen weiter. So weit schon hast du mich über den Grauen Pfad getragen, und bald kannst du dich ausruhen, wenn wir Hewsos erreichen. Weit kann es nicht mehr sein, Urth hält bereits für uns Ausschau.«
Sein Blick ging zum Himmel, suchte nach der Krähe. Noch immer glitt sie hoch über ihnen dahin. Dann wandte er sich wieder der Straße zu. Hier im Norden war sie noch immer breit und stolz, denn sie wurde instand gehalten. Wie ein mächtiger, silberner Fluss wand sie sich durch die Landschaft.
Der Wanderer griff nach seiner Reiselaterne und machte sich wieder auf den Weg. In Gedanken war er bereits in Hewsos, der Stadt der Lichter, auf die er nun schon seit vielen Tagen zustrebte, um dort die Vorräte aufzufüllen auf seiner Suche nach dem Grauen Turm. Er sehnte sich nach ihr. Nach ihren vielen Lichtern, ihren vollen Gesängen, den alten Holzbauten und Gasthöfen, in denen jeder Stuhl und jede Stiege ächzten, sodass ihr Lied einen begleitete, wenn man sich in seinem Zimmer in ein warmes Federbett sinken ließ.
Angetrieben von seinen Gedanken ging er weiter, sang leise das Lied der Nacht. An die Bardin Caer dachte er, und an das Willkommenslicht von Briva. Er drückte eine Hand an den Stern auf seiner Brust, der selbst in tiefster Finsternis noch Licht spendete. Licht, das nun in seinen Augen strahlte, in seinem Lied und seinen Worten, auch wenn sie bei ihm stets traurig klangen. Trost spendeten sie ihm dennoch.
So zog der Wanderer dahin.
Ohne zu ahnen, dass vor ihm etwas Fremdes reiste.
Sich ausbreitete. Dahinkroch.
Über den Grauen Pfad bis nach Hewsos.
Hewsos, Stadt der Lampen, die auch in jener Nacht so hell erstrahlten. Es war die Nacht vor dem Tag der Ruhe, und in den Straßen tummelten sich die Fremden, denn in Städten trifft man ja viel öfter auf fremde Gesichter als auf vertraute Menschen. Manche von ihnen waren hier geboren worden, andere nicht. Manche waren erst vor Kurzem hier eingetroffen, nachdem die Schatten sich erhoben und mit ihren Schwertern aus kaltem Feuer alles niedergemetzelt hatten, was sie fanden. Manche waren auch schon früher gekommen.
Nun also waren sie alle in den Straßen der Stadt unterwegs, sangen leise das Lied der Nacht, ob sie nun auf dem Weg zum Theater waren, nach einem zu langen Tag in der Werkstatt heimwärts gingen oder Freunde, Schwester, Bruder, Mutter oder Vater besuchten. Sie trugen warme, mit Schafwolle gefütterte Mäntel. Pflastersteine befestigten die Pfade unter ihren Füßen, hölzerne Gebäude umgaben sie, aus Stöcken errichtete alte Tempel ragten über ihnen auf, deren spitze Giebel mit geschnitzten Pferden, Trollen, Lichtbögen und hohen, magischen Bäumen verziert waren.
Und überall hingen Lampen. In jeder Straße und auf jedem Platz reihten sich an langen Bändern die Laternen aneinander, in denen dicke, solide Kerzen brannten. Warm erhellten sie den Abend.
Überall war Licht.
Überall war Musik.
Überall wurde gelacht und zum Himmel aufgeblickt, an dem die Sterne strahlten, und der Klang unzähliger Schritte hallte von den Pflastersteinen wider.
Und oben auf den Mauern der Stadt behielt die Wache den Grauen Pfad fest im Blick, denn sie erwartete jemanden.
Sie wartete auf einen Fremden.
Die Frau, die an diesem Abend zur Wache eingeteilt war, hatte ihn noch nie gesehen. Nur gehört hatte sie vom Wanderer, in so vielen Geschichten. So vielen Liedern. Balladen, Gedichte und Legenden berichteten von ihm, wie man sie sich nur flüsternd im Dunkel der Nacht erzählte, denn sie sollten einem kalte Schauer über den Rücken jagen und das Herz wild und freudig klopfen lassen, während man sich sicher in sein Federbett kuschelte, sich mit seinen Brüdern und Schwestern um das flackernde Licht einer Kerze drängte.
Sie wusste, dass er als junger Mann über das Midlamari gesegelt und von seiner Reise mit einem Schwert zurückgekehrt war, das eines Königs würdig gewesen wäre. Mit einem Schwert und einem Herzen, in dem jede Freude erloschen war. Sie wusste, dass er dem Weg des Winters gefolgt war, ihn gut kannte. Dass er einen Versorgungstross von Turis über Briva bis nach Hewsos geführt hatte im großen Hungerwinter, als die Bhelsee zugefroren war und die Schiffe nicht mehr durchkamen mit Getreide, Früchten und Mehl. Auch von seinem großen Kampf auf dem Grauen Pfad hatte sie gehört. Hatte sich erzählen lassen, wie die Bardin und der Wanderer die Straße gegen die Eiserne Patrouille verteidigt hatten, wie sie der gesamten Armee von Schur getrotzt hatten.
Der Gedanke daran ließ ihr Herz höher schlagen.
Auch wenn sie es natürlich nicht glaubte.
Zumindest nicht alles. Geschichten mussten schließlich immer etwas ausgeschmückt werden, sonst taugten sie nichts. Sonst ließen sie das Herz nicht freudig klopfen, jagten einem keine kalten Schauer über den Rücken.
Aber sie glaubte sehr wohl, dass sie gemeinsam der Gefahr getrotzt hatten – die Bardin und der Wanderer. Und während die Bardin ihre Pfeile verschossen hatte, die Klänge gebeten hatte, sich für ihn zu verstärken, hatte er in tiefster Dunkelheit gekämpft mit seinem Schwert und dem glänzenden Silberstern an der Brust.
Sie wollte die beiden sehen. Wollte sehen, wie der Wanderer und die Bardin gemeinsam über den Grauen Pfad herankamen. Wollte wissen, ob es wahr war.
Dass sie Seite an Seite gekämpft hatten. Dass er sich ihr zugewandt und ihr seine Liebe gestanden hatte. Dass sie sich ihm zugewandt und geantwortet hatte: Was bist du doch für ein Trottel.
Nachdenklich blickte sie zu den Sternen hinauf. Hier in Hewsos trug die Wache keine Waffen, nur eine Laterne und zwei Hörner hatte sie bei sich, eines in Silber und eines in Gold, in den Farben der Sterne und der Sonne. Genauso sähen die Sterne auch in Briva aus, hatte sie gehört, sie funkelten in demselben Silberton, verharrten alle am selben Ort. Ihre Schwester lebte in Briva, arbeitete dort als Botin für Reys, die Bürgermeisterin von Briva der Blauen. Bürgermeisterin und Schwester des Wanderers.
Briva.
Belagertes Briva.
Einen kurzen Augenblick lang stellte sie sich vor, dass ihre Schwester nun in Briva ebenfalls auf der Mauer stand, dass auch sie zu diesen Sternen aufblickte.
So viel weiter im Süden blickte sie doch zu denselben Sternen hinauf.
Und auch schon vor Tausenden von Jahren hatte jemand hier gestanden und ebendiesen Himmel betrachtet.
Sie wandte sich wieder dem Grauen Pfad zu, der sich dort unten entlangzog. Behielt wieder die Straße im Blick, auf der sie im Dunkeln nach einem Fremden Ausschau hielt. Nach dem Wanderer und seinen Gefährten. Einem Reisenden, gehüllt in einen nebelgrauen Mantel, mit sicherem Schritt. Einem Entwurzelten mit einem funkelnden Silberstern an der Brust. Silbern wie die Straße, die sich im Licht der Sterne unter ihr entlangzog. Wie ein schimmerndes Band wand sie sich durch die Wälder, an Flüssen entlang, bis tief in den Süden, wo es wärmer war, heller und lauter. Wo sich viele Straßen kreuzten, viele Wegscheiden aufeinander folgten, viele Lichtsäulen an den Wegen aufragten.
Verwirrt runzelte die Wächterin die Stirn.
Die Straße.
Sie war nicht länger silbern. Nein, sie schien sich zu verfinstern.
Als würde sich etwas nähern, herankriechen.
Wieder blickte sie in die Höhe, getrieben von dem Gedanken, dass vielleicht die Sterne erloschen waren. Dass die finstere Nacht wieder das Firmament verdeckte, wieder Mond und Sterne erstickte. Mond und Sterne und das golden-grün schimmernde Farbspiel, das nur hier im Norden über den Himmel zog.
Nein, sie waren alle noch da. Strahlten noch immer. Funkelten noch immer.
Also blickte sie wieder auf die Straße hinunter.
Vielleicht hatte sie sich ja getäuscht.
Und auch der Wanderer musterte die Straße vor sich, ebenso der Hengst Blíkna. Das Pferd sah nachts klarer als er, brauchte keine Laterne dafür.
Nervös war das Tier.
Der Wanderer erkannte das, wusste aber nicht, wie er nach dem Grund fragen sollte; und Blíkna wusste nicht, wie er sich mitteilen sollte.
Sagen sollte, dass dort etwas war.
Dort vor ihnen.
Etwas, das in ihm den Wunsch weckte, herumzufahren und davonzugaloppieren.
Er hatte den Tod auf seinem Rücken getragen, und trotzdem ließ das dort vor ihnen alles in ihm nach Flucht schreien.
Blíkna wurde langsamer. Dann blieb er stehen.
Weyd drehte sich zu ihm um. »Komm«, sagte er nur und zog sanft an den Zügeln.
Blíkna stemmte die Hufe in den Boden und wieherte.
Und der Wanderer kam zu ihm, wollte ihn beruhigen. Doch wie tröstlich er auch flüsterte, wie eindringlich er auch bat, wie ruhig seine Stimme auch klingen mochte, wie oft er ihm auch über den Hals strich … der Hengst rührte sich nicht vom Fleck. Schließlich trat der Wanderer einen Schritt zurück und musterte ihn prüfend. »Ich nehme es dir nicht übel, wenn du umkehren möchtest. Du hast mich weit getragen, viel weiter als du es hättest tun müssen. Aber ich muss weiter, muss nach Hewsos und noch weiter in den Norden hinauf, muss den Grauen finden, muss das Feuer entzünden und die Glocke schlagen im Turm des Lichts. Wenn es also sein muss, werde ich ohne dich gehen.«
Und mit diesen Worten drehte der Wanderer sich um und stapfte weiter die Straße entlang.
Blíkna sah ihm hinterher.
Wieherte noch einmal.
Weyd drehte sich nicht um.
Der Hengst schnaubte.
Dann trabte er dem Wanderer hinterher.
Lächelnd spürte Weyd, wie das Tier an seine Seite zurückkehrte. »Ich danke dir«, flüsterte er. »Sobald wir in Hewsos sind, werden wir uns richtig ausruhen, du und ich. Dort bekommst du einen anständigen Stall, ich werde dich mit Stroh abreiben, und du wirst dich mit Eicheln und Äpfeln und Nüssen vollstopfen können.« Der Wanderer streckte sich. Sein Rücken schmerzte. Ja, er war eindeutig kein junger Mann mehr. »Und ich werde mir eines dieser herrlichen, mit Federn gefüllten Betten suchen, und dann schlafen wir eine Nacht und einen Tag durch.«
Ein Blick nach oben zeigte ihm eine kleine dunkle Silhouette, die sich vor dem funkelnden Sternenhimmel abzeichnete. »Und auch für Urth werden wir den perfekten Ruheplatz suchen, und dazu Rosinen und Weinbeeren. Ausgeruht gehen wir dann zur Universität, denn ich hoffe, dort einen Führer zu finden, der uns mehr über die fremden und gefährlichen Gebiete nördlich der Stadt verraten kann. Wir werden den Turm finden, Blíkna.«
Der ganze Himmel war mit Sternen übersät; wunderschön und hell schimmerten sie dort oben.
Wunderschön und hell schimmerten sie auch für die Wache auf der Mauer von Hewsos. Unzählige Sterne und der strahlende Mond leuchteten über der Stadt. Es sollte also keine Finsternis geben. Breit und stolz und silbern sollte sich die Straße dort unten erstrecken.
Wieder sah sie hinunter. Und während sie auf die Straße hinabblickte, war ihr, als wäre sie blind geworden. Nein, die Straße war nicht in Finsternis gehüllt.
Sie schien einfach nicht mehr da zu sein.
Die Wachhabende wich einen Schritt zurück. Starrte angestrengt hinunter.
Und da spürte sie es. Etwas näherte sich. Kroch, schlich, schob sich heran.
Über die Straße zu ihr heran.
Sie löste das Horn von ihrem Gürtel und blies hinein.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.

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Alles von C.E. Bernard

C. E. Bernard
© Eva-Lotte Hill

Wer ist C.E. Bernard?

C.E. Bernard ist das Pseudonym von Christine Lehnen, die 1990 im Ruhrgebiet geboren wurde und seitdem in Kanada, den Vereinigten Staaten, Australien und Paris gelebt hat. Sie studierte die Fächer English Literatures and Cultures und Politikwissenschaft, seit 2014 lehrt sie Literarisches Schreiben an der Universität Bonn. Daneben erforscht sie Strukturen der Gewalt im Heldenepos, erwandert das Siebengebirge oder backt britischen Gewürzkuchen.
Ihre Kurzgeschichten wurden mit den Literaturpreisen der Jungen Akademien Europas und der Ruhrfestspiele Recklinghausen ausgezeichnet, ihre Romane waren für den RPC Fantasy Award und den Lovelybooks-Leseraward nominiert. Christine Lehnen schreibt auf Englisch – ihre auf Deutsch erschienenen Werke, darunter die Palace-Saga und zuletzt die Wayfarer-Saga, werden ins Deutsche zurückübersetzt.

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