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Martin Becker

Kleinstadtfarben

Roman

(3)
Hardcover
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Er frisst, statt zu essen, er säuft, statt zu trinken, er quarzt, statt zu rauchen, und er ackert, statt zu arbeiten. Pinscher wiegt hundertdreißig Kilo bei einer Körpergröße von einssiebzig, wobei das um fünf Zentimeter geschummelt ist. Sein Aussehen gibt nur zum Teil seine Maßlosigkeit preis. Und doch, seine Kleidung ist ordentlich, ein wenig aus der Mode, er ist nie ganz von hier weggekommen. Hier, das ist Mündendorf, hartes Arbeitermilieu. Jetzt, das ist der Sommer seiner Zwangsversetzung zurück in die Polizeiwache, die er nicht erträgt. Und es ist der Abschied von seiner geliebten Mutter. Er muss nun etwas tun, was er all die Jahre vermieden hat: sich der Erinnerung stellen, vor der polierten Schrankwand im engen Reihenhaus sitzen, den kalten Zigarettenrauch im alten Wohnzimmer riechen und den Menschen auf den alten Fotos wirklich ins Gesicht sehen.

»Unsentimental, aber warmherzig, mit subtilem Witz, aber ohne seine oft allzu menschlichen Figuren zu verraten, schildert Martin Becker das Kleinstadtleben.«

Brigitte Schmitz-Kunkel / Kölnische Rundschau (16. September 2021)

ORIGINALAUSGABE
Hardcover mit Schutzumschlag, 288 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-630-87637-5
Erschienen am  13. September 2021
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Rezensionen

Ausgerechnet Mündendorf

Von: Jana Jordan

06.11.2021

Kommissar Peter Pinscher wird strafversetzt nach Mündendorf, wo er als Bezirksdienstbeamter eingesetzt werden soll. Heißt im Klartext: Bürgersprechstunde, Gewaltprävention an Schulen, Puppentheater in Grundschule und Kindergarten und was sonst noch anfällt. Der Grund: Pinscher hält sich nicht an Regeln und fällt immer wieder durch ruppiges Verhalten gegenüber Bürgern und Kollegen auf. Also Versetzung, muss er akzeptieren. Von der Großstadt am Rhein in die Kleinstadt am Rand des Mittelgebirges – Mündendorf – ausgerechnet Mündendorf. Da kommt er her. Da steht das Häuschen, indem er seine Kindheit verbracht hat. Da wohnt seine demente Mama im Altersheim. Letzteres ist ist zumindest ein Pluspunkt. Für seine Mama tut er alles und nun kann er sie täglich besuchen. Auf der Minusseite: In Mündendorf trifft er auf alte Schulkameraden – vor allem auf Goranek, der jetzt sein Chef ist. Und was außer ihm keiner weiß: In Mündendorf holen ihn die Ängste ein, vor denen er schon seit langem davonläuft. Vor allem sein Elternhaus, welches er ohne Wissen seiner Mutter verkauft hatte, birgt viele schlimme und schreckliche Erinnerungen. Die Geschichte wird vom Ende her erzählt – damit kennt Pinscher sich aus, immerhin hat er in der Großstadt am Rhein vor allem Todesfälle bearbeitet. Kein Mord, nein, die meisten Toten sind ganz natürlich gestorben. Pinschers Aufgabe bestand in der Ermittlung der Todesursachen – das Aufrollen eines Lebens vom Ende her eben. Er hat Angehörige informiert, Hinterbliebene getröstet – darin war und ist er gut. In unserem Fall heißt das freilich, dass wir Peter Pinscher an dem Tag begegnen, an dem seine Mama gestorben ist und erfahren sodann in der Rückblende von der Rückkehr in seinen Heimatort. Martin Becker hat einen Helden erschaffen, der maßlos ist – beim Essen, bei Alkohol und Zigaretten, selbst auf Arbeit – er war bisher noch keinen Tag krank und ist selbst im Urlaub zum Dienst erschienen. Den schmerzenden Ischias bekämpft er mit immer stärkeren Schmerzmitteln. Er ist ein hoffnungsloser Pessimist, geht immer vom Schlimmsten aus, hat Angst vorm Alleinsein und vor Dunkelheit. Er ist auf den ersten Blick kein sympathischer Mensch, jedoch gelingt es dem Autor, dass ich ihm mit Anteilnahme begegne. Martin Becker schreibt in stetigem Wechsel zwischen personalem Erzähler, also aus der Perspektive von Pinscher, und innerem Monolog, wenn Pinscher mit sich selbst spricht. Die Übergänge sind fließend, das ist auf den ersten Seiten gewöhnungsbedürftig, aber nur ganz kurz, danach war ich um so stärker im Geschehen, konnte Selbstbeschimpfung, Ärger, Zweifel, Freude, Mut machen quasi live miterleben. In Mündendorf trifft Pinscher auch auf Anna – eine Schulfreundin und jetzt psychologische Psychotherapeutin, wie sie ihm sagt. Sie bietet ihm an, gemeinsam einen Versuch zu wagen, seine Ängste in den Griff zu kriegen. Außerdem gibt es noch die alte Dame, die in Pinschers Elternhaus gewohnt hat und die kurz vor seiner Rückkehr an einer Überdosis Tabletten gestorben ist. Deren Sohn – auch ein Schulfreund – sich seltsam benimmt. Pinscher beginnt gegen den Willen seines Chefs heimlich zu ermitteln. Und überhaupt lebt sich Pinscher gut ein in seiner alten Heimat. Letzten Endes geht es um nichts Geringeres als die Suche nach dem kleinen Glück, um ankommen, um nach Hause kommen. Was gibt uns Sicherheit und wie finden wir Frieden? Wie richtet man sich ein in dem Raum, der einem gegeben ist? Für mich war Martin Beckers Roman auf jeden Fall eine Entdeckung, weil es ihm gelungen ist, dass ich mich in einem mir völlig verschiedenen Menschen, wie es P. Pinscher ist, doch wiederfinde. Das unter anderem macht gute Geschichten aus.

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Schön war's!

Von: der Herscheider aus Herscheid

10.10.2021

Seine Bücher werden immer besser. Für Martin Becker dürfte diese Entwicklung beruhigend und gleichzeitig eine Herausforderung für das nächste Buch sein. Der schrullige Polizist Pinscher wird nach Verfehlungen aus einer Rheinmetropole in die Kleinstadt seiner Jugend Mündendorf strafversetzt. Dort schlägt er sich mit den Ängsten, Katastrophen, Gefühlen und Erinnerungen seines Lebens herum. Zitat „Pinscher hat getan, was er ausgesprochen gut kann: weglaufen.“ Von der ersten bis zur letzten Seite geht es um nicht weniger als die Themen Angst, Abschied und Tod (konkret werdend am Sterben der Mutter). – Dinge, die jedem nahestehen, der nachdenkt. Es fiel mir leicht, mich auf Stil und Sprache Martin Beckers einzulassen. Er lässt Pinscher gekonnt auf einem Grat zwischen Verschrobenheit und Normalität wandeln. Bei der Lektüre wurde er immer mehr zu einer Person, von der ich dachte: der beobachtet, denkt und fühlt ja wie ich – nur handelt er meist konsequenter. Wohltuend wirken auch literarische Tricks, die Martin Becker beherrscht. Gekonnt streut er sinnanregende Bezüge zu Musikstücken ein (Wilhelm Müllers Worte aus Schuberts Winterreise „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus“ tauchen im ersten Teil und zum Schluss auf; das Zitat umrahmt so die Geschichte und spiegelt die Entwicklung des Helden.). Die Namen der Figuren sorgen für ein Stück Kauzigkeit ohne banal zu wirken: Pinscher sowieso; die vermeintliche Therapeutin und Angstbekämpferin heißt Anna Leid; ein Dr. Seltsam spielt bei Ermittlungen eine Rolle; und dass bei allerlei ungewöhnlichen Namen ein vereinsamter Witwer ausgerechnet „Herr Maier“ heißt, ist sicher kein Zufall. Ich konnte das Buch sicher auf besondere Weise genießen, da mir die Stadt, in der Martin Becker aufwuchs, vertraut ist. Er macht keinen Hehl daraus, dass das fiktive Mündendorf seine Kleinstadt ist. Dem Autor macht es sichtlich Freude, viele reale Ortsbezeichnungen und tatsächliche Eigentümlichkeiten auf fast jeder Seite einzustreuen. Er seinen lässt Helden in genau der Stadt fast verzweifeln, die ihn selbst prägte. Ein wenig genervt war ich, dass bei der Lektüre Nikotin und Alkohol allgegenwärtig sind (wie in den Geschichten Martin Beckers üblich). Eine Kommunikation ohne Zigarette scheint kaum vorstellbar. Die literarische Notwendigkeit blieb mir fremd. Den fünften Stern gebe ich trotzdem, quasi als Zusatzpunkt für eine Besonderheit. „Kleinstadtfarben“ hat mich in einem Punkt wie selten ein Buch gepackt und berührt - als große Liebeserklärung an die Leben der Eltern.

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Vita

Martin Becker, 1982 geboren. Macht Radio. Schreibt Bücher. Mag Hunde. Er ist in der sauerländischen Kleinstadt Plettenberg aufgewachsen, freier Autor für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, Literaturkritiker beim Deutschlandfunk und bei Deutschlandradio Kultur und berichtet in Features und Reportagen unter anderem aus Tschechien, Frankreich, Kanada und Brasilien. 2007 erschien sein mehrfach ausgezeichneter Erzählband »Ein schönes Leben«, 2014 sein Roman »Der Rest der Nacht«, 2017 sein Roman »Marschmusik«, außerdem die Anthologie »Die letzte Metro. Junge Literatur aus Tschechien« (gemeinsam mit Martina Lisa) sowie 2019 »Warten auf Kafka. Eine literarische Seelenkunde Tschechiens« Er realisierte eine Reihe von Hörspielen und Lesungen gemeinsam mit dem tschechischen Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Martin Becker lebt in Halle an der Saale und Köln.

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Pressestimmen

» ›Kleinstadtfarben‹ ist ein poetisches Buch, das den proletarischen Schmerz der versiegenden Hoffnung in einem Format einfängt, das den Plot nebensächlich werden lässt.«

Ute Cohen / Der Freitag (11. November 2021)

»Die Unterströmung von Martin Beckers humanem Erzählen, das nicht auf Satirisches verzichten muss, ist fraglos eine selten gewordene Menschenliebe und Warmherzigkeit.«

»Martin Beckers Roman ist zuweilen ein lustiges, vor allem aber - und das ist ein kleines Wunder - ein warmes, tröstliches und versöhnliches Buch.«

Holger Heimann / SR 2 Kulturradio (15. September 2021)

»Zweifelsohne ein exzellenter Erzähler, der Gefühlslagen und Form gleichermaßen beherrscht.«

Björn Hayer / Bücher (30. October 2021)

»Ein gefühlvoller Roman voller Witz, Hoffnung und Warmherzigkeit.«

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