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Álvaro Enrigue

Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles

Roman

(4)
Hardcover
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Janos, Mexiko, 1835: Als Apachen eine junge Witwe entführen, bekommt Leutnant Zuloaga den Auftrag, nach ihr zu suchen. In seinem Gefolge reiten unter anderem eine scharfschießende Nonne, ein alter Tanzlehrer und zwei ehemalige Gefangene aus dem Stamm der Yaqui. Als sie die Frau schließlich finden, machen sie eine verblüffende Entdeckung.

New York, 2017: Ein mexikanischer Schriftsteller hadert mit der amerikanischen Politik. Aus Angst, nach einem Besuch in seiner Heimat nicht mehr einreisen zu dürfen, verbringt er den Familienurlaub im Grenzgebiet zu Mexiko, wo sich einst Géronimo, der letzte Häuptling der Apachen, ergeben hat. Die Geschichte Géronimos wird zur Parabel für seine eigene, die Vergangenheit Amerikas zum Spiegel seiner Gegenwart.

»Eine kleine Sensation. […] Sosehr das Buch ein Pageturner ist, [...] so sehr ist es aufgrund seiner erzählerischen Komplexität ein avantgardistisches Meisterwerk.«

DIE ZEIT, Adam Soboczynski (18. November 2021)

DEUTSCHE ERSTAUSGABE
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
Originaltitel: Ahora me rindo y eso es todo
Originalverlag: Editorial Anagrama
Hardcover mit Schutzumschlag, 560 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-89667-659-7
Erschienen am  13. September 2021
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Rezensionen

Hochkomplexes Werk

Von: Sabine Ibing

15.03.2022

«Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich und das ist alles.» (Gerónimo; Gokhlayeh oder Goyathlay, Schamane der Chiricahua-Apachen) Bereits in meiner Kindheit hat mich das Thema gepackt, ich weiß nicht wie oft ich die Tecumseh-Bände gelesen haben. Für Karl May, US-Western und ähnlichen Unsinn hatte ich nach diesen Büchern nichts übrig. Und im Laufe meiner Lesezeit bin ich einigen Büchern und Filmen begegnet, die sich dem Thema der Ureinwohner Amerikas auf realistische Weise nähern. Vielseitige Völker, verschiedene Arten zu leben und auch die Art untereinander Krieg zu führen. Dieser Roman widmet sich sehr intensiv den Apachen. Wo soll man mit diesem hochkomplexen Werk anfangen? «Wir waren einfach nur Menschen und eines Tages machte uns jemand zu Mexikanern, Koreanern, Zulu. Zu Menschen, die man rasch in eine Schublade stecken muss, um sie nach Möglichkeit auszurotten oder ihnen, falls das nicht geht, eine Sprache aufzuzwingen, Grammatik beizubringen und Schuhe zugeben, um ihnen welche verkaufen zu können, wenn sie das Barfußlaufen nicht mehr gewöhnt sind.» Álvaro Enrigue, in Guadalajara, Mexiko geboren, lebt und arbeitet in New York, beschreibt in seinen Roman eine eigene Reise durch die Zeit. Er hat sich intensiv mit der Geschichte der Apachen und deren Völkermord beschäftigt und begab sich 2017 mit seiner Familie auf eine Reise zu den historischen Schauplätzen im Grenzgebiet zwischen der USA und Mexiko. Sie besuchten die Gräber von Naiche und Gerónimo. Recherchen und Gedanken fließen ein und so ganz nebenbei blättert sich neben der Geschichte der Apachen auch die der USA und Mexiko auf, die mit der der Apachen, die sich Ndee (Mensch) nannten, eng verflochten ist. Feinde, die sich ständig bekämpfen, sich gegen den anderen zusammenschließen, Grenzverschiebungen zwischen den USA und den Mexikanern, mitten drin die Gran Apachería, das Reich der Apachen, das ab Mitte des 18. Jahrhunderts eine riesige Landfläche im Osten und Süden von Arizona, große Teile New Mexicos, den Süden Colorados, den Westen und Südwesten von Texas sowie große Areale der angrenzenden Bundesstaaten Sonora, Chihuahua, Coahuila, Nuevo León und Tamaulipas im Norden Mexikos umfasste. Die Stämme wurden immer weiter dezimiert und in unfruchtbare Gebiete zurückgedrängt, was ihrerseits zu Überfällen auf Siedler führte. 1835 führten die mexikanischen Staaten Sonora und Chihuahua Prämien auf Apachen-Skalpe ein, wieder einmal. Die Apachen unterzeichneten immer wieder Verträge, kämpfen mal für die eine, mal für die andere Seite, wurden aber immer wieder betrogen. «Das Gebiet war so undurchdringlich und die Ndee so unbestechlich sie selbst, dass die Spanier, nicht einmal Missionare zurückließen. ... müssen die Apachen wie ein eigenes Ökosystem vorgekommen sein: Vettern des Bären, Dornenesser. Auch das waren sie und es machte den Priestern Angst.» Der Roman beginnt mit einem fiktiven Strang. 1836 wird in dem mexikanischen Ort Janos die Mexikanerin Camila Ezgurra von Apachen bei einem Überfall mit Viehdiebstahl verschleppt – ihre Familie wird massakriert, die Ranch in Flammen gesetzt. Sie wird brutal behandelt und bekommt die Möglichkeit, Suizid zu begehen. Doch sie beißt sich durch, schafft sich so Respekt. Dieser Strang beschreibt detailliert das harte Leben der Apachen, ihre Zähigkeit, in der kargen Natur zu überleben, zeigt ihre Anpassungsfähigkeit und ihren Mut. Letztendlich eine Studie, die sich die sich in die Erzählung einpasst. Im dritten Strang erhält eine Weile später Leutnants José Maria Zuloaga den Auftrag, einen Suchtrupp zusammenzustellen und die Frau zurückzubringen. Nicht gerade ein Job, um den man sich reißt, und so muss er nehmen, was sich bietet: die Nonne Elvira, eine Scharfschützin; die Yaqui-Zwillinge, die seit Jahren im Gefängnis hocken, ihre Freiheit erhalten, wenn sie mitreiten; ein verkrachter Tanzlehrer; ein junger Rarámuri-Indio und ein Apache der als Fährtenleser zugeteilt wird. Diese beiden Stränge zeigen das harte Leben dieser Zeit, es gibt feine Naturbeschreibungen und ein Gefühl für diese blutige Zeit und ihre Auseinandersetzungen. Gerónimo (1829–1909), der mit richtigem Namen Gokhlayeh oder Goyathlay, hieß, war der legendäre Schamane und Anführer der Chiricahua-Apachen. Er führte mit den Mexikanern Krieg, fügte ihnen viel Schaden zu, weil sie seine Mutter, Frau und Kinder 1858 in Chihuahua ermordet hatten. Später kämpfte er für die US-Truppen gegen die Mexikaner. 1877 wurde Frieden geschlossen und Gerónimo erklärte sich bereit, sich mit seinem Clan in einem Reservat anzusiedeln. Man gab ihnen Land in der Wüste, wo kein Halm wuchs, kein Tier, kein Mensch überleben konnte. Verständlicherweise büchste der Stamm aus, zog sich in die Sierra Madre zurück, begann wieder mit den Überfällen. Die Soldaten kesselten die Apachen immer weiter ein, doch meistens entwischten sie geschickt. 1886 stellte sich Gerónimo, der müde war und keinen Ausweg mehr sah: «Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles». Die Apachen wurden wieder unwürdig eingesperrt, Gerónimo demütigte man, stellt ihn zur Schau. Es gibt ein Gerücht, wonach der Großvater von G.W. Bush und Mitstudenten das Grab geschändet haben sollen. Und dieses Buch handelt auch von diesem großen Krieger. Es ist ein hochkomplexer Roman, der verschiedene Sichten vereint, Die der Apachen, die der Verfolger, der Erzähler selbst auf Entdeckungsreise, der Historiker; ebenso schafft es Álvaro Enrigue, jeweils den sprachlichen Stil anzupassen. Meine Hochachtung! Mir hat der Roman gefallen, aber es ist sicher keine leichte Kost, ein Roman für jedermann. Álvaro Enrigue, geboren 1969 in Guadalajara, studierte in Mexico City Kommunikationswissenschaften, lehrte anschließend Literatur des 20. Jahrhunderts und promovierte an der University of Maryland. Seit seinem 1996 erschienen Debüt »La muerte de un instalador« gehört er zu den wichtigsten iberoamerikanischen Gegenwartsautoren und gilt als der bedeutendste mexikanische Autor seiner Generation. Seine Werke sind preisgekrönt und wurden in viele Sprachen übersetzt. »Aufschlag Caravaggio« (Blessing, 2015), war der erste Roman des Autors, der auf Deutsch erschienen ist. Álvaro Enrigue lebt in New York.

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Ein erhellendes wie berührendes Meisterwerk!

Von: Constanze Matthes

16.01.2022

Selbst ohne viel Wissen über die Geschichte Nordamerikas und dessen Ureinwohner gibt es Namen, die wohl jeder kennt. Geronimo (1829 – 1909), eigentlich Gokhlayeh oder Goyathlay, gilt als eine der angesehensten historischen Persönlichkeiten. Als Kriegshäuptling und Schamane der Apachen leistete er gegen die Besetzung seines Stammeslandes sowohl gegen mexikanische als auch US-amerikanische Truppen erbittert Widerstand, um sich allerdings nach jahrelangen Kämpfen 1886 mit seinen nur noch wenigen Stammesangehörigen zu ergeben und bis an sein Lebensende in verschiedenen Forts gefangen gehalten zu werden. Bei seiner Festnahme soll er gesagt haben: „Einst war ich frei wie der Wind, jetzt ergebe ich mich … und das ist alles.“ Nach diesem berühmten Zitat hat der mexikanische Schriftsteller Álvaro Enrigue seinen Roman genannt, der nicht nur über die leidvolle Geschichte der Apachen berichtet. Er verbindet auf einzigartige Weise die Vergangenheit mit der Gegenwart der USA. Alles beginnt wie ein Western mit teils grotesken und filmreifen Zügen. Man schreibt das Jahr 1836. In dem kleinen mexikanischen Ort Janos wird Camila, eine junge Witwe, von Apachen verschleppt. Die Ranch wird abgebrannt, die Familie ihres Schwiegersohns, der die Farm nach dem Tod von Camilas Mann übernommen hatte, getötet. Auch mit der jungen Frau gehen die Apachen nicht zimperlich um, sie wird gedemütigt und brutal behandelt, wenngleich sie auch Zeichen der Menschlichkeit erfährt. Erst Monate später macht sich ein Trupp unter dem Befehl des Leutnants José Maria Zuloaga auf die Suche nach der jungen Frau. Es ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen, dem eine ehemalige Sängerin, ein Tanzlehrer, zwei Männer vom Stamm der Yaqui, die über viele Jahre gefangen gehalten worden waren, ein Rarámuri-Indio sowie ein Apache als Fährtenleser angehören. Gemeinsam begeben sie sich auf eine gefahrvolle Reise. Muss Zuloaga zu Beginn noch erleben, wie sich Männer heimlich von der Truppe davonschleichen, wachsen später schließlich seine Begleiter über sich hinaus und stellen besondere Fähigkeiten unter Beweis. Die wagemutigen Befreier werden schließlich Camila und die Apachen erreichen, das kann an dieser Stelle erzählt werden, ohne all zu viel zu verraten. Denn die Rolle der jungen Frau und vor allem eines Apachen-Jungen, der an ihre Seite gestellt wird und sie bewachen soll, wird erst viel später erzählt. Denn Enrigues Roman lädt ein zu einer Reise durch die Zeit und enthält zwei weitere Erzählstränge, die das Buch zu einem komplexen Werk machen. Geschildert wird darüber hinaus von den Kriegen zwischen Apachen sowie Mexikanern und US-Amerikanern in einem Teil des weiten Kontinents, in dem es im 19. Jahrhundert mehrfach Grenzverschiebungen gab, was nicht unerheblichen Einfluss auf das Zusammenleben zwischen den verschiedenen indigenen Stämmen und den Nachfahren der ersten europäischstämmigen Siedler hatte. Frieden und Krieg wechseln sich ab, die blutige Zeit wird bestimmt von Gesetzlosigkeit, in der die Rache das oberste Gebot ist. Selbst die unterschiedlichen indigenen Gruppen sind sich spinnefeind. Die letzten Apachen mit ihrem Schamanen Geronimo werden gefangen genommen, dezimiert und aufgerieben von den jahrelangen Kämpfen. In diesem eher sachlich wirkenden Erzählstrang stellt Enrigue eine ganze Reihe realer Personen vor, vorrangig Armeeangehörige, die mitunter auch Respekt gegenüber den Apachen zeigen, wie General Nelson Miles, der den Zug der Apachen begleiten soll. Der Befehl, Geronimo zu finden, kam von keinem Geringeren als von Präsident Grover Cleveland. In diesen sowohl fiktiven als auch historischen Kontext webt der Autor noch eine dritte Zeit mit ein – seine eigene. Enrigue, in 1969 in Guadalajara/Mexiko geboren, lebt und arbeitet in New York. Der preisgekrönte Schriftsteller hat sich intensiv mit der Geschichte der Apachen und dem Völkermord beschäftigt. Mit seiner Familie, seiner Frau, der Schriftstellerin Valeria Luiselli, und den Kindern, begibt er sich 2017 auf eine Tour zu den historischen Stätten im Grenzgebiet zwischen der USA und Mexiko. Geschichte wird so lebendig. Für die Reisenden sowie letztlich für den Leser. Erzählt wird von den besonderen Fähigkeiten der Apachen, ihrem einfachen Leben, der Aura Geronimos sowie dem leidvollen Leben aus Verdrängung, Umsiedlung, Kampf und Gefangenschaft. An vielen Stellen klagt Enrigue an, er hinterfragt das Thema Herkunft und Wurzeln, sinniert darüber, was dieses dunkle Kapitel nordamerikanischer Geschichte schließlich mit der Gegenwart macht, wie sind die USA zu jenem Staat geworden, wie er letztlich ist. Ein multikulturelles Land, in dem indes eine weiße Mehrheit politische wie gesellschaftliche Paradigmen bestimmen, es noch immer Rassismus und Unterdrückung in den unterschiedlichsten Ausprägungen gibt. „Jetzt ergebe ich mich, und das ist alles“ ist ein hochkomplexer und vielstimmiger Roman, der verschiedene sprachliche Stile in sich vereint. Ein berührendes wie erhellendes Werk für Kopf und Herz, für dessen anspruchsvolle Lektüre man jedoch eine gewisse Aufmerksamkeit und Zeit einplanen sollte. Eine Zeitleiste mit den wichtigsten Ereignissen, eine Übersicht der historischen Personen sowie Erklärungen zu bestimmten Ausdrücken wären für die trotz allem spannende Lektüre hilfreich gewesen. Gegen Ende verschmelzen die unterschiedlichen Zeitstränge. Der Besuch von Enrigue im Fort Sill (Oklahoma), wo sich Geronimos Grab befindet, und eine im Fort Sam Houston (Texas) angesiedelte Szene, in der der schon damals berühmte Schamane das rothaarige Baby einer jungen Frau in den Armen hält, lässt wohl keinen Leser kalt. Ein eindrückliches Meisterwerk!

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Vita

Álvaro Enrigue

Álvaro Enrigue, geboren 1969 in Guadalajara, studierte in Mexico City Kommunikationswissenschaften, lehrte anschließend Literatur des 20. Jahrhunderts und promovierte an der University of Maryland. Seit seinem 1996 erschienen Debüt »La muerte de un instalador« gehört er zu den wichtigsten iberoamerikanischen Gegenwartsautoren und gilt als der bedeutendste mexikanische Autor seiner Generation. Seine Werke sind preisgekrönt und wurden in viele Sprachen übersetzt. »Aufschlag Caravaggio« (Blessing, 2015), war der erste Roman des Autors, der auf Deutsch erschienen ist. Álvaro Enrigue lebt in New York.

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