Bernhard Aichner: Gegenlicht

Der zweite Teil um Pressefotograf David Bronski

Es ist Sommer in Berlin. Ein Mann fällt vom Himmel. Ein blinder Passagier, versteckt im Fahrwerkraum eines Flugzeugs. Ein Leben, das im Garten einer hübschen Jugendstilvilla endet. Noch im Tod wird der Mann beraubt – und eine Geschichte aus Not und Gier nimmt ihren Anfang. Sie wird viele Leben kosten und manche Träume zerstören. Pressefotograf Bronski und seine Kollegin Svenja Spielmann recherchieren in einer Welt der Gewalt und des schönen Scheins.

Seit er denken kann, fotografiert Bronski das Unglück. Richtet seinen Blick auf das Dunkle in der Welt. Dort, wo Menschen sterben, taucht er auf. Er hält das Unheil fest, ist fasziniert von der Stille des Todes – und immer wieder auf der Suche nach einem Leben, das Sinn verspricht und auf die Liebe setzt.

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EINS

Der schwarze Mann fiel vom Himmel.
Zwischen den Sonnenstrahlen flog er nach unten. Unbemerkt. Acht Sekunden lang war die Welt noch in Ordnung. Klaus Rembrand und seine Geliebte saßen unbeschwert in ihren Liegestühlen, sie konnten noch nicht sehen, was auf sie zukam. Ahnten nicht, dass ihr Untergang unmittelbar bevorstand. Sie unterhielten sich ausgelassen, lachten und tranken. Zwölf leere Bierdosen lagen auf der Wiese. Immer wenn sie eine Dose leergetrunken hatten, schleuderten sie sie, soweit sie konnten, durch den Garten der Jugendstilvilla, die Klaus kürzlich von seiner Mutter geerbt hatte.
Es war ein perfekter Nachmittag. Klaus Rembrand war mit sich und der Welt im Reinen. Er genoss die Stunden mit dieser wunderbaren Frau. Hemmungslos erfüllte er sich seine Wünsche.
Koste es, was es wolle, dachte er.
Oxana.
Sie war etwas Besonderes.
Wunderschön, geheimnisvoll, aufregend.
Klaus kümmerte sich immer rechtzeitig darum, dass sie an zwei Samstagen im Monat für ihn verfügbar war. Er fieberte diesen Tagen entgegen, die Zeit mit ihr zählte zum Kostbarsten, was er hatte. Es war ein Ritual, dem er voller Freude folgte, und das er beharrlich am Leben hielt. Wenn die Tage zwischen den Treffen endlich vergangen waren, legte er sich in die Badewanne und fuhr anschließend mit seinem hellblauen Mazda in die Waschstraße. Er sorgte dafür, dass der Wagen glänzte, er polierte und saugte ihn. Dann besorgte er Sushi und Bier im Supermarkt und holte Oxana wie immer am vereinbarten Treffpunkt ab.
Beim botanischen Garten.
Oxana hatte ihm nie gesagt, wo sie wohnte. Sie wollte nicht, dass er auf die Idee käme, sie irgendwann zu Hause zu besuchen, ihre Privatsphäre war ihr heilig. Sie kümmerte sich zwar mit Inbrunst um Klaus, aber sie genoss auch, dass ihre Beziehung zeitlich begrenzt war. Die zwei Samstage im Monat gehörten ihm, der Rest des Monats aber gehörte ihr. So hatte sie es ihm eingebläut.
Akzeptiere es, oder lass es, hatte sie zu ihm gesagt.
Bitte mach es nicht kompliziert, Klaus.
Es ist doch schön so, wie es ist.

Oxana war da ganz klar und deutlich.
Und Klaus stimmte zu.
Wobei er durch Zufall doch herausgefunden hatte, wie sie wirklich hieß und wo sie wohnte. Er behielt es für sich, beließ es bei ihrem Künstlernamen, wenn er sie traf, und tat so, als hätte er keine Ahnung von ihrem anderen Leben. Tatsache war, dass er keinen Grund hatte, an dem bestehenden Arrangement etwas zu ändern. Klaus war zufrieden, so wie es war. Er trug keine Verantwortung, musste sich an den Oxana-freien Tagen nicht um sie kümmern. Sie hatte ihr eigenes Leben, er hatte seines.
Diese Art von Beziehung hatte sich bewährt. Klaus wollte keine Kompromisse eingehen, um nichts in der Welt hätte er eine Frau bei sich einziehen lassen. Seine Freiheit war ihm heilig, der Singlehaushalt sein Paradies. Klaus Rembrand war glücklich. Auch wenn die Tage mit Oxana Offenbarungen waren, er mochte auch die Zeit dazwischen. Er liebte es, sich nach ihr zu sehnen, bereits Tage vor den Treffen zelebrierte er in Gedanken die Momente ihres Wiedersehens. Malte sich aus, was passieren würde. Zweimal im Monat feierte Klaus so das Leben. Sie völlerten, hatten Sex, betranken sich. Sushi, Viagra, Bier.
Und eine Ahnung von Liebe.
Hundertzwanzig Euro kostete eine Stunde Glück.
Klaus buchte Oxana gewöhnlich von mittags bis Mitternacht, machte zweitausendachthundertachtzig Euro pro Monat, zuzüglich Getränken, Verpflegung und kleinen Präsenten. Ein stattlicher Betrag, den er monatlich fix eingeplant hatte. Viele andere schöne Dinge hätte sich Klaus davon kaufen können, doch warum sollte er? Dieses Geld war für Oxana bestimmt. Sie lebte davon. Nicht ausschließlich, aber vermutlich zum größten Teil. Dass sie außer ihm noch andere Kunden hatte, war ihm natürlich klar, aus seiner Sicht war er aber definitiv ihre Nummer eins. Oxana fand ihn lustig, charmant und weltoffen, er war überzeugt davon, Klaus war zufrieden mit der Gesamtsituation.
Könnte nicht geschmeidiger laufen, sagte er sich.
Es war eine wunderbare Fügung des Schicksals gewesen, dass seine Mutter auf der Kellertreppe ausgerutscht war und sich das Genick gebrochen hatte. Von einem Tag auf den anderen hatte das jahrelange und durchaus mühsame Zusammenleben ein Ende gehabt. Klaus vergoss einige Tränen über ihren Tod, am Ende aber überwog die Freude über ihr Verschwinden. Die schöne Villa in Schmargendorf gehörte jetzt ihm, genauso wie die unzähligen Sparbücher, die er im hintersten Winkel ihres Kleiderschranks gefunden hatte.
Klaus Rembrand war endlich für seine Mühen belohnt worden.
Ein Leben lang war er mit einem von seiner Mutter gemachten Pausenbrot in der Aktentasche zum Finanzamt und wieder zurückgelaufen, er war Beamter mit Leib und Seele gewesen. Jetzt aber hatte er sich mit einem Lächeln im Gesicht in den frühzeitigen Ruhestand verabschieden können. Mit vierundfünfzig Jahren ein Glücksfall.
Mit Bedacht hatte Klaus durchgerechnet, wie lange er mit dem Geld seiner Mutter durchkommen würde, und was er sich alles damit leisten könnte. Eine ganze Woche lang hatte er diverse Szenarien durchgespielt, er hatte Betriebs- und Heizkosten für die nächsten fünfzig Jahre berechnet, er hatte die Kosten für einen Hausmeisterdienst addiert, genauso wie die Ausgaben für Unvorhergesehenes. Sanierungen am Haus, besondere Aufwendungen wegen Krankheit, Kosten für Pflegerinnen im hohen Alter, er dachte auch an die Anschaffung diverser Autos, von denen er träumte, und erfüllte sich in Gedanken noch einige andere Wünsche. Klaus dachte großzügig. Er rechnete sogar noch einen Puffer ein, durfte am Ende aber trotzdem feststellen, dass das Ergebnis seiner Berechnungen äußerst erfreulich ausfiel.
Klaus musste sich nie wieder Sorgen um Geld machen. Er konnte sich die zwei Samstage im Monat ohne Probleme leisten, er hätte sogar damit weitermachen können, bis er hundertvier Jahre alt wäre. Geld spielte keine Rolle.
Nur dieses Lebensgefühl zählte.
Der Rausch, dem er sich mit Oxana hingab.
Ihre nackten Brüste, die er so liebte, der Geruch des Kokosöls, das er auf ihrem prachtvollen Leib verteilte, das Zischen, das aus den Dosen kam, wenn man sie öffnete.
Es war ein Nachmittag im Paradies.
Alles war perfekt.

Klaus wollte gerade aufstehen und etwas zum Knabbern aus dem Haus holen, da sah er zwischen den Sonnenstrahlen plötzlich etwas Schwarzes aufblitzen. Im Gegenlicht konnte er nicht erkennen, was es war, er wunderte sich nur. Er verstand es nicht. Versuchte zu begreifen, aber es ging zu schnell. Da war ein Geschoss, das auf sie zukam, etwas großes Dunkles, das schließlich vor ihnen auf der Wiese einschlug.
Kawummm.
Es war seltsam, aber Klaus hatte keine Angst. Ihm fiel in diesem Moment nur ein Comic ein, den er gerade gelesen hatte. Viele kleine schwarze Meteoriten waren auf der Erde eingeschlagen, einer direkt vor Dagobert Ducks Geldspeicher. Aliens hatten es auf die vielen glitzernden Taler abgesehen. Was er gelesen hatte, wurde Wirklichkeit.
Was zur Hölle ist das, fragte Oxana.
Ein Außerirdischer, antwortete Klaus.
Ein schwarzer Mann war direkt vor ihre Füße gefallen.
Nur wenige Meter von ihnen entfernt.
Er lag im halbhohen Gras.
Klaus lachte.

Bernhard Aichner: Dunkelkammer

Der Auftakt der Reihe

Es ist Winter in Innsbruck. Ein Obdachloser rettet sich in eine seit langem leerstehende Wohnung am Waldrand. Im Schlafzimmer findet er eine Leiche, die dort seit zwanzig Jahren unentdeckt geblieben war. Ein gefundenes Fressen für Pressefotograf David Bronski. Gemeinsam mit seiner Journalistenkollegin Svenja Spielmann soll er vom Tatort berichten und die Geschichte der Toten recherchieren. Dass dieser Fall jenseits des Spektakulären aber auch etwas mit ihm zu tun hat, verschweigt er.

Seit er denken kann, fotografiert Bronski das Unglück. Richtet seinen Blick auf das Dunkle in der Welt. Dort wo Menschen sterben, taucht er auf. Er hält das Unheil fest, ist fasziniert von der Stille des Todes. Es ist wie eine Sucht. Bronski ist dem Tod näher als allem anderen, er lebt nur noch für seine Arbeit und seine geheime Leidenschaft. Das Fotografieren, analog. Dafür zieht er sich zurück in seine Dunkelkammer. Es sind Kunstwerke, die er hier schafft. Porträts von toten Menschen. Es ist sein Versuch, wieder Sinn zu finden nach einem schweren Schicksalsschlag.

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Leserstimmen

Spannend ab dem ersten Wort

Von: Laura
11.07.2021

Super Buch! Meine Mutter, meine Schwester und ich haben es innerhalb kürzester Zeit "verschlungen"

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Gänsehautfeeling garantiert!

28.06.2021

Dunkelkammer ist für mich kein gewöhnlicher Krimi sondern geht eher schon in mein Lieblingsgenre Thriller. Es geht um Mord, Kindesentführung und zweifelhafte Selbstmorde. Absolut nichts für schwache Nerven!

Der Autor hat dieses Buch besonders spannend geschrieben und schafft es definitiv den Spannungsbogen hochzuhalten. Aichner zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann. Das Buch besteht aus vielen kurzen Kapiteln, wodurch die Geschichte nahezu einen Sog entwickelt.

Als Leser taucht man immer mehr in Bronskis Privatleben und seiner tragischen Vergangenheit ein und bekommt ein Gefühl dafür warum er so ist wie er ist. Somit konnte ich mich auch sehr gut in den Protagonisten hineinfühlen und habe mitgefiebert was mit seiner Tochter passiert ist und ob er sie wirklich wiederfinden kann. Seine Schwester Anna und seine neue Kollegin Svenja fand ich absolut passende, erfrischende und sympathische Charaktere.

Auch die Covergestaltung finde ich mit der Kamera und dem gruseligen Haus sehr passend zur Story.

Fazit: Eine Story mit absoluten Gänsehautfeeling! Ich fiebere dem 2. Band der Reihe "Gegenlicht" schon entgegen!

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EINS

Er wäre beinahe erfroren in dieser Nacht.
Keine Stunde länger hätte er die Kälte ertragen, sie hätte sich ganz tief in ihn hineingeschlichen, ihn langsam und leise kaputt gemacht.
Der Schnaps wäre seine vermeintliche Rettung gewesen. Er hätte so lange weitergetrunken, bis er nichts mehr gespürt hätte.
Er wäre für immer eingeschlafen. Ein Spaziergänger hätte ihn am nächsten Tag in seinem Zelt gefunden.
Am Boden festgefroren.
Nur noch ein Klumpen kaltes Fleisch.
Ein stilles Ende wäre es gewesen.
Kurt Langer.
Verstorben am 21. Jänner 2021.
Ein obdachloser Spinner, der eineinhalb Wochen am Waldrand in einem Zelt geschlafen hatte. Kurt Langer war überzeugt davon gewesen, dass ihm der Winter nichts anhaben konnte. Doch die Minustemperaturen hatten ihm wehgetan, er war den Steilhang hinuntergerutscht und schließlich über die Brüstung geklettert. Er zweifelte nicht daran, dass es der einzige Weg war, die Pechsträhne in seinem Leben zu beenden. Er tat endlich, wozu er sich seit Tagen zu überreden versuchte.
Kurt traf die Entscheidung gerade noch rechtzeitig, bevor er erfror.
Er nahm einen Stein und schlug das Fenster ein.
Wenig später wäre er bereits zu betrunken dafür gewesen, sich aufzuraffen und in dieses Penthouse einzubrechen.
Das Timing war perfekt.
Seit er sein Zelt nahe des Hangs aufgestellt hatte, war niemand in dieser Wohnung gewesen. Kurt hatte immer wieder hinübergeschaut, an keinem der zehn Tage hatte Licht gebrannt.
Der Wohnblock schmiegte sich an den Hang, von der Straße konnte man die oberste Terrasse nicht einsehen. Ohne Blicke auf sich zu ziehen, schaffte Kurt es über die Brüstung. Ohne zu zögern, schlug er die Scheibe ein.
Das Glas brach.
Er war in Sicherheit.
Endlich hatte er ein Dach über dem Kopf.
Kein Wind, kein Schnee.
Doch es war kühl.
Mehrere Fenster waren gekippt, ein eisiger Luftzug wehte.
Schnell schloss Kurt die Fenster. Er bewegte sich beinahe lautlos.
Obwohl er betrunken war, gelang es ihm, bedacht und vorsichtig vorzugehen. Das Adrenalin steuerte ihn. Er zog seine Schuhe aus, um keine Spuren zu hinterlassen. Er behielt seine Handschuhe an, nahm ein Kissen vom Sofa und schloss das Loch, durch das er seine Hand gestreckt hatte, um die Terrassentür von innen zu öffnen. Er klemmte das Kissen zwischen Scheibe und eine Stuhllehne.
Kurt machte alles richtig.
Er stand im Dunklen.
Nur ein bisschen Mondlicht erhellte den großen Raum.
Er drehte an den Reglern der Heizkörper, hörte das Wasser in den Leitungen, spürte, wie sie sich langsam erwärmten, dann setzte er sich. Holte die Schnapsflasche aus seinem Rucksack und trank. Für den Moment war er einfach nur zufrieden, weil er die Nacht im Warmen verbringen durfte. Er breitete sich einfach auf dem herrlich weichen Sofa aus und deckte sich mit einer Decke zu.
Trank die Flasche leer und schlief ein.
Vierzehn Stunden lang rührte er sich nicht.
Die Sonne schien ihm ins Gesicht, als er aufwachte.
(…)
Er sah es nicht sofort.
Dass irgendetwas nicht stimmte an diesem Ort. Es war ihm zuerst nicht aufgefallen. Dass da überall Staub war. Zentimeterhoch.
Der gedeckte Frühstückstisch. Vertrocknetes Essen.
Ein verdorrter Strauß Rosen.
Kurt versuchte es zu begreifen. Das unnatürliche Bild, das sich ihm bot, zu verarbeiten. Er nahm es wie in Zeitlupe in sich auf.
Schüttelte den Kopf. Leckte sich mit der Zunge die Lippen ab.
Im ersten Moment schob er es auf den Alkohol, machte seine Kopfschmerzen dafür verantwortlich, er schlug sich sogar ins Gesicht. Dann beugte er sich über die Titelseite der Zeitung, die vor ihm lag. Kurt schloss die Augen. Öffnete sie wieder.
Er fragte sich, ob er verrückt geworden war.
Es war das Datum.
Es waren die Fotos.
Ein Politiker, der schon lange nicht mehr im Amt war, schaute betroffen in die Kamera. Er stand zwischen Trümmern und sprach mit Journalisten. Kurt konnte sich noch an alles ganz genau erinnern. Diese Bilder hatten sich in seinem Kopf eingebrannt.
Das Lawinenunglück in Galtür.
Die Zeitung war vom 27.02.1999.
Vier Tage vorher waren in einem Tiroler Bergdorf einunddreißig Menschen gestorben. Schneemassen hatten alles unter sich begraben, Häuser wurden zerstört, Familien auseinandergerissen, das Urlaubsparadies war über Nacht zum Inferno geworden. Überall nur Zerstörung und Schmerz. Die ganze Welt hatte damals darüber berichtet.
Reporter, Kameraleute und Fotografen.
Und Kurt war einer von ihnen.
Mit den ersten Journalisten war er ins Tal geflogen. Wie die Geier waren sie über das Dorf hergefallen, hatten gefilmt, Fotos gemacht, die Angehörigen der Toten vor die Linse gezerrt.
Kurt zitterte.
Der Blick auf die Zeitung katapultierte ihn zurück.
Damals war er ein erfolgreicher Pressefotograf gewesen.
Jetzt war er kaputt. Betäubte sich mit Alkohol. Gierte danach.
Er ging in die Küche.
Öffnete Vorratsschränke, suchte nach Schnaps.
Aber da war keiner.
Nur Frauenkleider, die am Boden lagen.
Ein Rock.
Eine Bluse.
Unterwäsche.
Fallen gelassen vor einundzwanzig Jahren und fünf Tagen.
Niemand hatte die Kleider aufgehoben. Keiner hatte den Tisch abgeräumt. Tassen und Teller abgespült. Unheimlich war es.
Am liebsten wäre er davongelaufen, doch er blieb. Er hasste sich dafür, dass er sich auf all das eingelassen hatte. Hektisch riss er die restlichen Schränke auf, suchte weiter nach Schnaps, doch da waren nur abgelaufene Lebensmittel.
Nudeln. Thunfisch. Cornflakes.
Nüsse. Haltbar bis 12/1999.
Das kann doch alles nicht sein, flüsterte er.
Bis zum Schluss wollte er es nicht wahrhaben.
Es nicht sehen. Dass vermutlich außer ihm noch jemand in der Wohnung war.
Ganz in seiner Nähe.
Kurt betrat das Schlafzimmer.
Er setzte einen Schritt vor den anderen.
Ging auf das Bett zu.
Er sah die vielen braunen Flecken auf den Laken.
Blut.
Ein Massaker musste es gewesen sein.
Kurt starrte den Körper an. Die ledrig braune Haut, die hervorstehenden Knochen. Für einen Moment vergaß er den Alkohol, er stand da, über der Leiche, und würgte. Zum zweiten Mal innerhalb einer halben Stunde wurde er in seine Vergangenheit zurückgeworfen. Es war so, als würde ihn das Schicksal mit Gewalt daran erinnern wollen, dass er früher ein besseres Leben geführt hatte.
Da waren glückliche Tage, die Fotografie, ein gefülltes Bankkonto, der Journalismus, für den er einmal brannte. Alles war wieder da. Denn der Anblick war ihm vertraut.
Anfang der neunziger Jahre in den Ötztaler Alpen.
Ein deutsches Ehepaar war beim Wandern über die Mumie gestolpert.
Kurt war einer der Ersten, der von dem über fünftausend Jahre alten Körper Bilder machte. Ötzi. Die wohl bekannteste Leiche aller Zeiten. Kurt war hautnah dabei, verdiente ein Vermögen damit, seine Aufnahmen gingen um die ganze Welt.
Die Mumie von damals war gut für ihn.
Die Mumie, die jetzt vor ihm lag, war es nicht.
Sie hatte keinen Kopf mehr.
Jemand hatte ihn abgeschnitten.
Kurt verfluchte sich. Diese Nummer war eindeutig zu groß für ihn. Man würde zuerst die Wohnung auseinandernehmen und dann ihn, man würde ihn wegen Einbruchs belangen, ihm endlos Fragen stellen und ihn am Ende auf die Anklagebank zerren.
Kein Schnaps mehr, Gefängnis vielleicht.
Damit hatte er nicht gerechnet. Er geriet in Panik. Verzweifelt versuchte er ein paar klare Gedanken zu fassen.
Da waren nur Fragen.
Keine Antworten.
Wer war diese Frau?
Was war mit ihr passiert?
Warum war ihr Körper nicht verwest?
Warum hatte niemand sie vermisst?
Warum hatte sie in all den Jahren niemand gefunden?
Wer schneidet jemandem einfach den Kopf ab?
Wie war das alles nur möglich?
Kurt erinnerte sich daran, wie gut er einmal darin gewesen war, Schlüsse zu ziehen, den richtigen Antworten hinterherzujagen.
Jetzt aber war er nur noch ein versoffener alter Sack.
Träge und leer, er hatte keine Energie mehr, der Wunsch zu trinken war stärker als alles andere. Er stahl, log und betrog, wenn es nötig war, er hatte jedes Gespür für sich und die Welt verloren. Was früher für ihn ein Volltreffer gewesen wäre, bedrohte ihn jetzt.
Diese Leiche, die vor ihm lag.
Eine Mumie.
Er musste eine Entscheidung treffen. Abwägen, was klüger war. Bleiben oder abbrechen. Die Polizei rufen, oder einfach tun, wozu er hier war. Fieberhaft überlegte er, beinahe panisch lief er durch die Wohnung, suchte weiter nach Schnaps. Kurt war gerade dabei durchzudrehen, als er den Einkaufskorb in der Vorratskammer fand. Er stand in einem Regal neben Konservendosen.
Kurt hätte beinahe alles übersehen.
Eine Geldtasche.
Schokolade und Wein. Sechs Flaschen.
Er suchte einen Öffner, zog den Korken aus der ersten Flasche.
Kurt setzte an und trank. Einen langen Schluck.
Dann noch einen.
Langsam beruhigte er sich.
Dann öffnete er die Geldtasche.
Da waren Kreditkarten, ein paar Scheine und ein Ausweis.
Langsam hörte er auf zu zittern.
Eine Stunde noch dachte er nach. Trank.
Dann wählte er Bronskis Nummer.

Bernhard Aichner
© Ursula Aichner

Bernhard Aichner

Bernhard Aichner (1972) lebt als Schriftsteller und Fotograf in Innsbruck. Er schreibt Romane, Hörspiele und Theaterstücke. Für seine Arbeit wurde er mit mehreren Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet, zuletzt mit dem Burgdorfer Krimipreis 2014, dem Crime Cologne Award 2015 und dem Friedrich Glauser Preis 2017.

Die Thriller seiner "Totenfrau"-Trilogie standen monatelang an der Spitze der Bestsellerlisten. Die Romane wurden in 16 Länder verkauft, u.a. auch nach USA und England. Mit "BÖSLAND" und "DER FUND" schloss er 2018 und 2019 an seine internationalen Erfolge an.

Bernhard Aichner über Bronski, seine Inspiration zur neuen Krimireihe und was im Leben wichtig ist

Ein neuer Krimiheld betritt die deutschsprachige Bühne. David Bronski. Mit wem bekommen wir es zu tun?
David Bronski, von jedem – auch von seiner Familie – nur Bronski genannt, ist Mitte vierzig, lebt allein, steht nur mit seiner Schwester Anna regelmäßig in Kontakt. Er ist in Tirol aufgewachsen, hat dort seine Karriere als Pressefotograf begonnen und ist irgendwann nach Berlin gezogen, wo er für eine renommierte deutsche Tageszeitung arbeitet. Er ist unzugänglich, von Schicksalsschlägen gebeutelt. Aber hinter seiner rauen Schale steckt ein großer weicher Kern.

„Ich fotografiere tote Menschen“ – dieses Zitat Bronskis stellen Sie dem ersten Band voran. Was hat es damit auf sich?
Vor zwanzig Jahren hat Bronski seine Tochter verloren, sie war vier Monate alt, als sie spurlos verschwand. Vor sieben Jahren hat sich seine große Liebe Mona das Leben genommen und ihn mit dem Schmerz alleingelassen. Seither hat Bronski nur noch seine Arbeit. Und eine geheime Leidenschaft: Es ist ein bizarres Hobby, das er betreibt, ein Zwang, eine Sucht, wenn man so will. Er widmet sich dem Unglück anderer Menschen und hält es in Bildern fest. Dort, wo Menschen sterben, taucht er auf und macht Fotos. Nicht nur von den Schauplätzen, sondern auch von den Toten. Analoge Bilder vom Sterben. Er zieht sich zurück in seine Dunkelkammer und entwickelt sie. Bilder von toten Menschen.

Was ist es, das ihn daran so fasziniert?
Ich habe Bronski eine alte Tradition aufgreifen lassen, die Post-mortem-Fotografie. Diese Form der Fotografie hat eine sehr lange Geschichte. Im viktorianischen Zeitalter Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Toten noch ein letztes Mal in Szene gesetzt, so als würden sie noch leben. Man zog zum Beispiel kleinen Kindern ihr schönstes Gewand an, frisierte sie und fotografierte sie inmitten von Spielzeug und ihren Geschwistern. Man wollte die Toten noch einmal lebendig zeigen und dieses Bild dann konservieren, bevor sie für immer verschwanden.
Heute hat sich das ja sehr gewandelt. Man verabschiedet sich wieder öfter von den Toten am offenen Sarg, man möchte sie noch ein letztes Mal sehen, bevor sie bestattet werden. Man will also begreifen und sicher sein, dass sie tot sind, um den Verlust verarbeiten zu können.

Worum geht es in Dunkelkammer?
Ein spektakulärer Mordfall führt Bronski zurück in seine alte Heimat Tirol. Durch Zufall findet ein Obdachloser bei einem Einbruch eine Leiche. Sie ist nackt, mumifiziert und enthauptet. Seit zwanzig Jahren unentdeckt liegt sie in einer Wohnung am Stadtrand. Pressefotograf Bronski soll darüber berichten, wird aber selbst in den Fall verwickelt. Gemeinsam mit Reporterin Svenja Spielmann, die ihm trotz Widerwillen zur Seite gestellt wird, begibt er sich auf eine Reise in die Vergangenheit, die – so hat es den Anschein – auch zu Bronskis verschwundener Tochter führt. Denn bei der Toten wird ein Foto von ihr gefunden.

Sie sind ja selbst Fotograf. Wie viel Bernhard Aichner steckt in David Bronski?
Zu meinem neuen Helden spüre ich eine besondere Nähe. Bevor ich Anfang der Nullerjahre in die Werbefotografie einstieg, war ich jahrelang als Pressefotograf für den Kurier, der zweitgrößten Tageszeitung Österreichs, tätig. Dort habe ich das journalistische Handwerk erlernt und war im Besonderen von der Polizeifotografie fasziniert, bei der es um Unfälle, Raub, Mord oder Naturkatastrophen ging.
Für die Heldin der Totenfrau-Trilogie durfte ich in einem Bestattungsinstitut mitarbeiten, um mich besser in den Beruf meiner Heldin Blum hineinversetzen zu können. Für die Max-Broll-Reihe hob ich ein Grab aus, um nachfühlen zu können, was die Arbeit eines Totengräbers ausmacht. Für Bronski musste ich einfach in meine eigene Vergangenheit zurückschauen und mich an all das erinnern, was mich damals so fasziniert hat. Dass ich mich jahrelang in diesem Milieu bewegt habe, hilft beim Schreiben sehr. Die vielen Erfahrungen, die ich in dieser Zeit gemacht habe, lasse ich natürlich miteinfließen. Und am Ende bereitet es mir wahnsinnig viel Vergnügen, meine beiden Leidenschaften – das Schreiben und die Fotografie – in den Bronski-Krimis zusammenführen.

Ein Fotograf, der auch schreibt? Oder ein Schriftsteller, der auch fotografiert?
Es war immer mein größter Traum, Schriftsteller zu werden, vom Schreiben leben zu können. Mit vierzehn habe ich mir das in den Kopf gesetzt, knapp dreißig Jahre später ist der Traum wahr geworden. Mit Totenfrau, meinem siebten Roman, ist der Durchbruch gelungen. Ich habe Germanistik studiert, Texte zerlegt, so wie Mechaniker Autos zerlegen, ich habe verstanden, wie ein guter Text gebaut ist, habe ein Gefühl für Literatur bekommen und mit den Jahren versucht, meinen eigenen Ton zu finden.
Das mit der Fotografie entwickelte sich parallel. Ich habe während des Studiums in einem Fotolabor gearbeitet und die Leidenschaft für das Erzählen in Bildern entdeckt. Ich habe wie ein Besessener fotografiert und geschrieben, fünfzig Stunden in der Woche habe ich Fotos gemacht und digital bearbeitet, in der Nacht war ich Autor. Ich habe an zwei beruflichen Karrieren gleichzeitig gearbeitet. Und es waren zwei Berufe, die sich gegenseitig gutgetan haben. Der fotografische Blick beim Schreiben und das Erzählende in der Fotografie – beides ist bis heute untrennbar miteinander verbunden.

Die drei letzten Bücher – Der Fund, Bösland, Kaschmirgefühl – waren geografisch nicht verortet. Die neue Reihe spielt in Berlin, aber zum Teil auch, wie die Totenfrau-Trilogie, in Ihrer Heimat Tirol.
Genauso wie es mir wichtig war, dass die Hauptfigur meiner neuen Reihe mit mir und meinem Beruf als Fotograf zu tun hat, war es mir wichtig, die Romane dort zu verorten, wo auch ich als Fotograf tätig bin. Bronski lebt zwar mittlerweile in Berlin, wo er sich nach einem schweren Schicksalsschlag eine neue Existenz aufgebaut hat, aber er kehrt nach Innsbruck zurück. Wie es scheint, durch Zufall. Am Ende lenkt ihn aber doch das Schicksal. Und in letzter Konsequenz wohl ich. (Lacht.)

Sie haben in Dunkelkammer auch reale Ereignisse verarbeitet, wie den Ötzi-Fund oder das Lawinenunglück von Galtür.
Das sind zwei Themen, die mich damals sehr bewegt haben: Die Gletscherleiche Ötzi, die älteste bekannte menschliche Mumie, älter noch als die Mumien in Ägypten, wurde 1991 in Südtirol gefunden. Das war zwar vor meiner Zeit als Pressefotograf. Ich habe während meines Germanistikstudiums in einem Fotolabor gearbeitet, dort war ich es, der die ersten Fotos von Ötzi entwickelte. Der Fotograf, der als Erster am Gletscher vor Ort gewesen war, kam zur Tür hereingestürmt und sprach von einer Sensation, und davon, dass er Jahrhundertfotos gemacht hatte.
Mein Interesse an der Pressefotografie war geweckt. Man ist immer auf der Jagd nach dem perfekten Bild, man sieht Dinge, die den anderen – oft sogar dauerhaft – verborgen bleiben. Und diese Leiche hat mich derart fasziniert, dass ich damals Abzüge für mich gemacht und diese mit nach Hause genommen habe, um sie mir dort heimlich anzusehen. Ich hatte das Gefühl, dass ich der weltberühmten Mumie näher war als alle anderen. Spooky war das, aber wahnsinnig spannend. (Lacht.) Nicht ohne Grund ist die erste Leiche, mit der Bronski in Dunkelkammer zu tun hat, eine seit zwanzig Jahren vermisste Frau, die mumifiziert ist. Gefunden wird sie übrigens in einem Haus ganz in der Nähe von unserer Wohnung. Auf meiner täglichen Morgenrunde mit dem Hund habe ich mir zur Freude unserer Nachbarn ein Haus ausgesucht, in der die Leiche zwanzig Jahre im Verborgenen gelegen ist.

Und die Lawinenkatastrophe in Galtür?
Galtür hat mich lange Zeit nicht losgelassen. Eigentlich bis heute nicht. Deshalb taucht es auch in Dunkelkammer wieder auf.
1999, als das Unglück passierte, war ich bereits seit einigen Jahren als Pressefotograf tätig. Als ich mit den ersten internationalen Journalisten nach Galtür geflogen wurde, war ich schockiert von dem Ausmaß der Zerstörung und wie verheerend und mit welcher Wucht der Tod über das Dorf gekommen war. 31 Menschen sind erstickt, wurden zerdrückt, erschlagen oder lebendig begraben. Drei Tage vor dem Unglück war ich noch für eine Reportage über von Schneemassen eingesperrte deutsche Urlauber vor Ort gewesen. Die Straßen waren gesperrt, nur über den Luftweg konnte man ins Tal. Die Redaktion hatte mich einfliegen lassen, ich machte mir ein Bild, zog recherchierend durch einen verschneiten Ort, sprach mit beunruhigten Touristen, fotografierte sie. Keine Sekunde rechnete ich damit, dass ihnen etwas zustoßen könnte.

Sie sind bekannt für Ihre starken Frauenfiguren. Nach der Totenfrau-Trilogie haben Sie auch Der Fund stark weiblich besetzt. War von Anfang an klar, dass die Figur dieses Mal männlich sein wird?
Tatsächlich war der Held der neuen Reihe ebenfalls als Frau angelegt, aber da die Figur so viel mit mir und meiner früheren Arbeit zu tun hat, wurde irgendwann während des Schreibens ein Mann daraus. Starke Frauen dürfen aber in meinen Romanen auf keinen Fall fehlen. Neben Bronskis Schwester Anna, die als Privatdetektivin arbeitet, spielt auch Svenja eine Hauptrolle. Sie ist Reporterin und ermittelt mit Leidenschaft an Bronskis Seite. Zudem zieht seine Chefin Regina im Hintergrund die Fäden und Bronskis Tochter sorgt für Spannung. Bronski ist zwar augenscheinlich der Star der Geschichte, aber er würde ohne diese großartigen Frauen mit Bomben und Granaten untergehen.

Keines Ihrer Bücher kommt ohne Liebesgeschichte aus. Können wir auch in der neuen Reihe mit diesbezüglichen Verstrickungen rechnen?
Ich bin ein heilloser Romantiker. Liebesgeschichte und Krimi – das ist für mich kein Widerspruch. Ich bin immer bemüht, dass es in meinen Büchern trotz Düsternis am Ende ein Happy End gibt. Liebe und Tod sind schon immer Grundmotive in der Literaturgeschichte gewesen und für mich untrennbar miteinander verbunden. Keines der Bücher, die ich bisher geschrieben habe, kommt ohne romantische Verstrickungen aus. „Schmusen“ ist das Wichtigste für mich im Leben. Sollte es auch für alle anderen sein. (Lacht.) In diesem Fall war es aber eine besondere Herausforderung, denn der Held hat zu Beginn des Romans seine große Liebe ja bereits verloren. Ich habe ihm ein krasses Schicksal auf den Leib geschrieben und ihm viel angetan. Und deshalb steht es in meiner Verantwortung, der Figur, die mir wichtig ist, auch Liebe zu schenken. Ich habe ihm folglich jemanden zur Seite gestellt, der auf ihn aufpasst und mit der er vielleicht längerfristig auch glücklich werden kann.

Sie verhandeln in Ihrem Roman ein schwerwiegendes Thema: Kindesentführung. Es ist eine große Ungeheuerlichkeit, die Bronskis Familie passiert.
Wenn einem das eigene Kind genommen wird, tut sich eine Wunde auf, die sich wohl nie wieder schließen lässt. Ich habe etwas Unfassbares geschehen lassen: Einer Mutter und einem Vater wird ihr Baby gestohlen, so als wäre es ein Portemonnaie. Eine tiefe Lücke tut sich auf, in der Bronski und seine Frau beinahe für immer verschwinden. Die Entführung seines Kindes ist für Bronski der Grund, warum er seinen Blick auf das Unglück und das Dunkle in der Welt richtet. Es tröstet ihn. Macht ihn aber gleichzeitig kaputt. Trotz all der Liebe und Emotionalität, denen ich in meinen Romanen Platz einräume, gibt es in Dunkelkammer das Böse in einer Form, in einer Perfidität, mit der Bronski kaum zurechtkommen kann.

Wie gehen Sie mit Gewalt in Ihren Romanen um?
Wie in allen meinen Krimis findet auch in Dunkelkammer Gewalt statt, aber es wird konsequent keine Gewalt zelebriert, sondern auf einer Ebene belassen, auf der sie noch erträglich ist. Ich finde es viel spannender, den Leserinnen und Lesern selbst zu überlassen sich auszumalen, was genau da passiert. Denn in den Köpfen der Leserschaft geht es dann meist noch viel brutaler zu, als ich es jemals beschreiben könnte. Mich interessiert mehr die Psychologie der Täter, warum die Menschen die Dinge tun, die sie tun. Psychische Gewalt ist außerdem ja oft viel grausamer als körperliche Gewalt und wirkt sich auf die Opfer nachhaltiger und verheerender aus.
Es macht mir aber zugegebenermaßen sehr viel Freude, dem Dunklen zu begegnen, mich in die Gegenspieler meiner Helden hineinzuversetzen und mir zum Beispiel die Frage zu stellen, warum jemand zum Mörder wird und diese eine Grenze überschreitet, die für uns andere tabu ist.

Was macht den Tod für Sie so faszinierend?
Der Tod ist ein Hauptdarsteller in unserer Mitte, über den man aber nicht spricht. Er ist immer da, er spielt eine zentrale Rolle in unserer aller Leben, gleichzeitig will sich aber niemand mit ihm auseinandersetzen. Das hat eine enorme Faszination auf mich, seit vielen Jahren. Ich lasse die Hauptfigur in Dunkelkammer deshalb auch das Unmögliche versuchen, nämlich in Form von Bildern dem Tod näherzukommen, ihn festzuhalten. Bronski fotografiert tote Menschen. Das ist anziehend und abstoßend zugleich.

Auch Sie waren dem Tod schon näher, als Ihnen vielleicht lieb war. Wie Sie selbst gesagt haben, sind Sie ihm einmal von der Schippe gesprungen.
Der Tod ist mir in vielen – angsteinflößenden und verstörenden – Facetten begegnet. Freiwillig und unfreiwillig. Als Ministrant am Friedhof, als Fotolaborant beim Entwickeln grausamer Bilder für den Blutfotografen, und als junger Vater, als ich in Thailand mit viel Glück den Tsunami überlebt habe. Ich empfand es als ein Wunder, dass ich damals mit dem Leben davongekommen bin.

Was ist das Wichtigste in Ihrem Leben?
Meine Frau. Meine Kinder. Die Liebe. Und als Nächstes kommt das Schreiben. Es gibt kaum etwas Schöneres für mich, als Figuren und Geschichten zu erfinden, Beziehungen und Emotionen zum Leben zu erwecken. Ich möchte die Leserinnen und Leser mit meinen Geschichten berühren, sie zum Lachen und Weinen bringen. Ich möchte sie fesseln und ihnen schlaflose Nächte bereiten. Mein Fokus liegt auf dem Zwischenmenschlichen. Eine Achterbahnfahrt muss es sein, sie sollen den Figuren so nahe wie möglich kommen. Sie sollen ihnen gerne folgen. Und das Wichtigste für mich: Sie müssen sie mögen.

Man hat das Gefühl, dass Sie immer wieder neu auf der Suche nach jenem Stil sind, der am besten zu Ihren Geschichten passen. Was ist diesmal neu?
Ich bemühe mich, immer wieder neu und anders zu erzählen, meinem Schreiben eine neue Facette hinzuzufügen. Auch jetzt hatte ich wieder große Freude daran, an einer neuen Struktur zu basteln, denn die Form eines Romans ist ja genauso wichtig wie der Stil, der Sound und der Plot einer Geschichte.
In den Bronski-Romanen folgen wieder alternierend Prosa- auf Dialogkapitel. Dialoge sind mächtige Geschwindigkeitsbeschleuniger, sie ermöglichen den Leserinnen und Lesern, unmittelbar und hautnah am Geschehen teilzuhaben. Dialoge haben in meinen Büchern der letzten Jahre immer größeren Raum bekommen, weil sie so unmittelbar das ausdrücken, was man als Autor sonst oft umständlich beschreiben muss. Als Leserin und Leser ist man direkt am Schauplatz, kein Erzähler verwässert die Situation, es wird nicht bewertet oder interpretiert. Fakt ist, was gesagt wird. Das zieht in die Geschichte rein und macht Tempo.
Die Prosakapitel dazwischen sind zudem aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, sodass Nähe zu allen Figuren geschaffen wird, aber ganz besonders zu Bronski, der – ganz neu in meinen Romanen – als Icherzähler auftritt und somit noch unmittelbarer Einblick in die Story, aber auch in sein Innenleben gibt.

Dunkelkammer liest sich wie viele Ihrer Romane wie ein Drehbuch. Sind Verfilmungen Ihrer Bücher geplant?
2021 wird Totenfrau von NETFLIX und ORF als Serie verfilmt. Die Produzenten Wolfgang und Benito Müller von Barry Films haben das möglich gemacht. Es ist wahnsinnig spannend für mich zu sehen, wie aus der Buchreihe eine Serie wird. Als ich die Drehbücher gelesen habe, war ich beglückt. Das Ganze ist toll gemacht und wird zu meiner großen Freude in Tirol gedreht.
Und auch die Max-Broll-Krimis werden verfilmt. ORF und ZDF sind am Start, der erste Film ist bereits im Kasten, weitere werden folgen. Jürgen Vogel und Laurence Rupp spielen die Hauptrollen und mein lieber Freund Harald Sicheritz führt Regie. Ich war bei der Produktion stark eingebunden und von Anfang an bei allen Entscheidungsprozessen dabei. Das war wahnsinnig aufregend für mich, beratend bei der Entstehung des Drehbuchs involviert zu sein, mit Harald Sicheritz bei einer Flasche Wein über die Besetzung nachzudenken und beim Dreh selbst als Notarzt in Erscheinung zu treten.

Neben Ihrer Arbeit als Autor sind Sie auch als Veranstalter tätig. Sie zeichnen für drei sehr erfolgreiche Krimifestivals in Österreich verantwortlich.
Mein Freund, der Haymon-Verleger Markus Hatzer, und ich, wir haben uns 2016 vorgenommen, das größte Krimifestival Österreichs aus dem Boden zu stampfen. 2017 starteten wir mit dem Krimifest Tirol. Die Resonanz war überwältigend. Über 3.300 Lesebegeisterte in sechs Tagen, 32 Veranstaltungen an 28 Schauplätzen, und mehr als 30 internationale und nationale Krimigrößen präsentierten ihre Bücher. 2018 gingen wir in Tirol ins zweite Jahr und planten bereits die Expansion. 2019 feierten wir in Kärnten das Krimifest Wörthersee. Und auch im Raum Wien, in Nieder- und Oberösterreich haben wir mit Thalia einen weiteren starken Partner gefunden. Das Krimifest bei Thalia ist unser drittes Festival. Mit insgesamt über 80 Veranstaltungen bieten wir der Kriminalliteratur in Österreich eine große Bühne.

Ist bereits ein zweiter Band der Bronski-Reihe in Planung?
Der zweite Band ist bereits fertig und erscheint im Sommer 2021, bereits wenige Monate nach Band eins. Wir wollen all jene, die sich in Bronski verliebt haben, nicht so lange auf ein Wiedersehen warten lassen. (Lacht.) Der dritte Band ist gerade in Arbeit. Ideen für Band vier und fünf gibt es auch schon. Wie viele Bände es insgesamt geben wird, weiß ich noch nicht, aber ich bin mir sicher, dass Bronski und die starken Frauen an seiner Seite mich und die Leserinnen und Leser noch viele Jahre begleiten werden.

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