Die Erfolgssaga geht weiter!

Sturm über der Tuchvilla

Augsburg, 1935. Der Sturm, der sich über Deutschland zusammenbraut, hat auch für die Familie Melzer und ihre geliebte Tuchvilla weitreichende Konsequenzen: Maries erfolgreiches Schneideratelier steht kurz vor dem Aus, als bekannt wird, dass sie jüdischer Abstammung ist. Und auch ihr Mann Paul hat mit großen Sorgen zu kämpfen, denn die finanzielle Lage der Tuchfabrik und der wachsende Druck von Seiten der Regierung, bereiten ihm schlaflose Nächte. Als Paul eines Tages dringend geraten wird, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, muss Marie eine folgenschwere Entscheidung treffen, die ihr aller Leben für immer verändern wird …

Sturm über der Tuchvilla

Werden sie den Sturm überstehen, der Marie, Paul und ihre geliebte Tuchvilla mitzureißen droht?

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1

Ein Herrenhaus. Eine mächtige Familie. Ein dunkles Geheimnis …

Augsburg, 1913. Die junge Marie tritt eine Anstellung als Küchenmagd in der imposanten Tuchvilla an, dem Wohnsitz der Industriellenfamilie Melzer. Während das Mädchen aus dem Waisenhaus seinen Platz unter den Dienstboten sucht, sehnt die Herrschaft die winterliche Ballsaison herbei, in der Katharina, die hübsche, jüngste Tochter der Melzers, in die Gesellschaft eingeführt wird. Nur Paul, der Erbe der Familie, hält sich dem Trubel fern und zieht sein Münchner Studentenleben vor – bis er Marie begegnet …

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2

Eine mächtige Familie. Dramatische Verwicklungen. Ein Haus, das mehr als ein Geheimnis birgt.

Augsburg, 1916. Die Tuchvilla, der Wohnsitz der Industriellenfamilie Melzer, ist in ein Lazarett verwandelt worden. Die Töchter des Hauses pflegen gemeinsam mit dem Personal die Verwundeten, während Marie, Paul Melzers junge Frau, die Leitung der Tuchfabrik übernommen hat. Da erreichen sie traurige Nachrichten: Ihr Schwager ist an der Front gefallen, ihr Ehemann in Kriegsgefangenschaft geraten. Während Marie darum kämpft, das Erbe der Familie zu erhalten und die Hoffnung an ein Wiedersehen mit Paul nicht aufzugeben, kommt der elegante Ernst von Klippstein in die Tuchvilla. Und wirft ein Auge auf Marie …

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3

Das Schicksal einer Familie in einer bewegten Zeit. Und eine Liebe, die alles überwindet.

Augsburg, 1920. In der Tuchvilla blickt man voller Optimismus in die Zukunft. Paul Melzer ist aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück und übernimmt die Leitung der Tuchfabrik, um der Firma wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Seine Schwester Elisabeth zieht mit einer neuen Liebe wieder im Herrenhaus der Familie ein. Und Pauls junge Frau Marie will sich einen lang gehegten Traum erfüllen: ihr eigenes Modeatelier. Ihre Modelle haben großen Erfolg, doch es kommt immer wieder zu Streitigkeiten mit Paul – bis Marie schließlich die Tuchvilla mit den Kindern verlässt …

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4

Augsburg 1930. Marie und Paul Melzer sind glücklich, und ihre Liebe ist stärker denn je – gekrönt von ihrem dritten Kind, dem mittlerweile vierjährigen Kurti. Doch aufgrund der weltweiten Wirtschaftskrise und den schweren Zeiten muss Paul um das Überleben seiner Tuchfabrik kämpfen. Als er an einer Herzmuskelentzündung erkrankt, springt Marie ein, um das Unternehmen vor dem Ruin zu retten, denn es steht nichts anderes als das Schicksal der ganzen Familie auf dem Spiel. Wichtige Entscheidungen sind zu treffen, denn auf den Schultern der Familie Melzer lasten hohe Kreditschulden. Nur, wenn jetzt alle zusammenhalten, ist ihre geliebte Tuchvilla noch zu retten. Doch auf eines können sich alle verlassen: Wenn die Not am größten ist, ist die Hilfe am nächsten.

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Leseprobe zu "Sturm über der Tuchvilla"

TEIL I

1

Augsburg, im Mai 1935

Es war kurz vor zehn Uhr am Vormittag. Die Schlafzimmer der Herrschaft waren in Ordnung gebracht, die Bäder gereinigt, die Vorbereitungen für das Mittagsmahl gerichtet – jetzt hatten die Angestellten Zeit für einen Milchkaffee und einen kleinen Imbiss in der Küche; schließlich war man seit halb sechs in der Frühe auf den Beinen.
»Da kommt er endlich angeradelt, der Postalische«, sagte Auguste, die am Küchenfenster stand und in die Allee der Tuchvilla hineinspähte.
»Immer am Schluss erst in die Tuchvilla. Damit die Herrschaft die Post erst zum Mittagsmahl auf dem Tisch hat!«, knurrte die Köchin Fanny Brunnenmayer.
»Heut frag ich ihn einmal, ob er für die Reichspost oder für die Schneckenpost austrägt«, meinte Humbert.
Hanna, die gerade den Korb mit den Semmeln, die die Herrschaft übrig gelassen hatte, auf den langen Küchentisch stellen wollte, hielt erschrocken inne. »Sei nur vorsichtig, Humbert«, warnte sie ängstlich. »Mit dem ist net zu spaßen, es heißt, er hätte schon Leute angezeigt.«
Der alte, freundliche Postbote war vor einem halben Jahr in Rente gegangen, was alle Bewohner der Tuchvilla sehr bedauerten. Sein Nachfolger war aus anderem Holz geschnitzt. Jung war er, noch keine dreißig, dünn wie ein Windhund, blass von Angesicht und grantig von Gemüt. Dazu ein strammer Parteigenosse, ein Nationalsozialist der ersten Stunde, wie er sich immer brüstete. Das hatte ihm vermutlich auch die Einstellung bei der Reichspost verschafft.
»Früher hätten die doch so einen Deppen net genommen!«, hatte Fanny Brunnenmayer gesagt. »Dreimal die Woche bringt er uns Briefe, die an andere Leut’ adressiert sind, und wohin er unsere Post trägt, das weiß der Himmel!«
Das Lästigste an dem »Postalischen«, wie sie ihn inzwischen getauft hatten, war jedoch sein demonstrativer Hitlergruß. Jedes Mal, wenn er in den Hof der Tuchvilla hineinfuhr, riss er den rechten Arm hoch und brüllte ein zackiges »Heil Hitler«, das man noch bis auf die Haagstraße hinunter hören konnte. Wenn diese staatlich vorgeschriebene Begrüßung nicht entsprechend erwidert wurde, konnte er unangenehm werden. Vorgestern hatte er Hanna, die ihm ein freundliches »Grüß Gott« zur Antwort gegeben hatte, gedroht, dass man die verstockten Katholiken auch bald auf Kurs bringen würde. Was natürlich lächerlich war, aber seinen Eindruck auf die ängstliche Hanna nicht verfehlt hatte.
»Jetzt ist er gleich im Hof«, meldete Auguste.
Hanna richtete ihre Schürze und wollte davoneilen, um die Haustür zu öffnen, aber Humbert hielt sie am Arm fest.
»Du nicht!«, sagte er energisch. »Ich geh’ und werd’ ihn schon gebührend empfangen.«
»Bitte nicht, Humbert«, bat sie. »Mit so einem darf man sich nicht anlegen.«
»Dann geh’ ich halt«, meinte Liesl und sie stellte einen wattierten Kaffeewärmer über die Kanne, damit der heiße Kaffee nicht kalt wurde.
Aber das gefiel Fanny Brunnenmayer nicht, weil Liesl ihr besonderer Schützling und inzwischen so gut wie ihre Nachfolgerin war.
»Du schon einmal gar net, Liesl!«, befahl sie. »Du bist hier als Köchin angestellt und net als Hausmädchen.«
Auguste rollte die Augen, weil sie einsah, dass es an ihr hängen bleiben würde. Seit fast zwei Jahren war sie nun wieder in der Tuchvilla angestellt, weil Gerti ja damals gekündigt hatte und ihre beiden Nachfolgerinnen der gnädigen Frau Elisabeth so gar nicht gefallen hatten. Auguste war stolz und glücklich über diese Fügung und fest entschlossen, diese Stellung bis an ihr Lebensende zu behalten.
»Ich geh schon«, meinte sie. »Mir kann der nix. Ich sag freundlich ›Heil Hitler‹, und wenn der meint, ich müsste dazu den rechten Arm hochreißen, dann lass ich ihn wissen, dass ich grad da eine böse Arthrose hab und mich net einmal an der Nase kratzen kann.«
Es war auch höchste Zeit, weil der Postbote mit seinem Radl schon in den Hof hineinfuhr und dabei in aufdringlicher Weise die Fahrradklingel betätigte. Humbert stand grimmig neben Hanna am Fenster, um die Szene zu beobachten; auch Liesl kam jetzt dazu, nur Fanny Brunnenmayer blieb auf ihrem Stuhl sitzen, weil sie wieder einmal dicke Beine hatte und das Aufstehen ihr schwerfiel.
»Da reißt er schon den Arm hoch«, sagte Liesl. »Dabei ist er noch net einmal abgestiegen …«
»Jessas!«, schrie Hanna. »Das geht net gut!«
»Ich glaub’s net!«, jubelte Humbert. »Jetzt hat’s ihm die Lenkstange verrissen. Sauber! Rein ins Blumenbeet. Und feste den Schädel an die Kante gehauen!«
»Die ganzen Briefe über den Hof verstreut!«, sagte Hanna und hielt erschrocken die Hand vor den Mund.
Diesen Anblick wollte sich auch Fanny Brunnenmayer nicht entgehen lassen; sie erhob sich trotz ihrer schmerzenden Beine und eilte zum Fenster. Tatsächlich, da lag das Radl im Hof, und der »Postalische« saß daneben und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. Die beiden Postsäcke, die hinten auf dem Radl befestigt waren, hatten sich bei dem Sturz geöffnet und einen Teil ihres Inhalts von sich gegeben.
»Jessus, Maria!«, hörte man Augustes aufgeregten Ruf. »Sie haben sich doch hoffentlich net wehgetan?«
Der Postmann würdigte sie keiner Antwort; er suchte in seiner Jackentasche nach einem Sacktuch, weil seine Nase blutete. Auguste war inzwischen die Eingangstreppe hinabgelaufen, um dem Verletzten beizustehen.
»Wissen Sie, ich hab mir das ja gleich gedacht«, sagte sie, über das Fahrrad gebeugt. »So ein schwer beladenes Radl, da braucht einer doch beide Händ’ an der Lenkstange, sonst kann er leicht das Gleichgewicht verlieren. Da müssen’s halt erst absteigen, damit Sie festen Boden unter den Füßen haben, bevor Sie den Hitlergruß …«
»Das hat damit nix zu tun!«, grollte der Verunglückte hinter dem Taschentuch. »Da hat was im Weg gelegen. Da bin ich gerutscht!«
»Also, ich seh nix, was da im Weg gelegen hätt’«, entgegnete Auguste. »Warten’s, ich helf Ihnen, die Briefe einsammeln …«
»Nehmen Sie die Finger von den Postsendungen«, schimpfte der Verletzte und stand mühsam auf. »Die unterliegen dem Postgeheimnis. Bringen Sie mir ein feuchtes Tuch.«
Auguste tat immer noch, als sei sie tief erschrocken, und erging sich in Hilfsbereitschaft.
»Für Ihre Nasen, netwahr? Jessus, Maria – die ist ja dick angeschwollen. Wenn’s nur net gebrochen ist! Da bekommen’s später einen Höcker auf der Nase …«
»Ein feuchtes Tuch!«, beharrte der Verletzte und nahm probeweise das Taschentuch herunter, um seine Nase zu befühlen. Tatsächlich – geschwollen.
In der Küche erging man sich in reiner, boshafter Schadenfreude. Hanna erbarmte sich schließlich, nahm ein frisches Küchentuch aus dem Schrank und hielt es unter den Wasserhahn.
»Der Spüllumpen hätte auch gereicht«, bemerkte Humbert.
»Geh, wie kannst du nur so boshaft sein!«, tadelte sie ihn und lief davon, um Auguste das Tuch zu bringen.
Dann beobachteten sie durchs Fenster, wie sich der »Postalische« das Gesicht abwischte, immer wieder die Nase betastete und dann daran ging, sein Radl wieder aufzustellen, an dem das vordere Schutzblech verbogen war. Leider lehnte er das Gefährt nun gegen die Hauswand, sodass man ihn vom Küchenfenster aus nicht mehr sehen konnte. Nur das nasse Tuch, das er Auguste vor die Füße warf, konnte gesichtet werden. Dann sammelte er seine Briefe wieder ein und klemmte sie bündelweise unter den Arm, um sie zurück in die Postsäcke zu stopfen.
»Und was ist jetzt mit der Post für die Tuchvilla?«, hörte man Auguste unverdrossen fragen.
»Können’s net abwarten?«
»Ich frag ja nur …«
»Ein Nachspiel wird das haben«, drohte er. »Das verspreche ich Ihnen. Eine Falle wurde mir gestellt. Da hat was im Weg gelegen!«
»Ich hab nix gesehen, das kann ich jederzeit beschwören. Dankschön für die Post. Viel ist’s net grad, haben’s da noch was vergessen?«
»Ein Nachspiel wird das haben …«, beharrte der Postbote wütend.
»Ja freilich«, schwatzte Auguste unbefangen weiter, und sie bewegte sich mit den Briefen in der Hand zur Eingangstreppe hinüber. »Dann nix für ungut, und passen’s in Zukunft besser auf. Ja, und noch ›Heil Hitler‹ nachträglich …«
»Das hätt’s jetzt net gebraucht«, bemerkte Fanny Brunnenmayer am Küchenfenster und wandte sich stöhnend ab, um sich wieder auf ihren Stuhl zu setzen.
»Da radelt er davon«, berichtete Liesl. »Wie der in die Pedale tritt! Der hat eine riesige Wut im Bauch.«
»Hoffentlich gibt das keinen Ärger«, seufzte Hanna. »Wenn die Herrschaft nun unseretwegen angezeigt wird …«
»Ach du Angsthase!«, meinte Humbert und legte ihr beschwichtigend den Arm um die Schultern. »Wir frühstücken jetzt erst einmal, sonst wird der Kaffee kalt.«
Auguste kehrte mit zufriedener Miene in die Küche zurück. »So geht’s im Leben«, meinte sie schmunzelnd. »Wer die Nase zu hoch trägt, der stößt sie sich wund. Ich hab dem Christian gesagt, er soll schnell den Hof kehren.«
Damit eilte sie zum Spülstein, um sich die Hände zu waschen, und setzte sich auf ihren Platz. Auch die anderen begaben sich an den Frühstückstisch. Die Zeit war knapp geworden, die Köchin musste sich ums Mittagsmahl kümmern, Humbert den Tisch im Speisezimmer herrichten, und Auguste hatte ihren Einsatz, wenn Johann, Hanno und Charlotte gleich aus der Schule kamen.
»Warum soll Christian denn den Hof kehren?«, wollte Fanny Brunnenmayer wissen.
Auguste kaute schon an einer Buttersemmel, die sie in den Milchkaffee getunkt hatte.
»Weil da Splitt herumliegt.«
»Splitt?«
»Ach du liebe Zeit«, rief Liesl erschrocken. »Der Christian wollte heute früh die beiden Schlaglöcher auf der Allee ausfüllen. Da muss ihm etwas von dem Splitt aus der Schubkarre gefallen sein …«
»Dann ist der Postalische …«, stammelte Hanna. »Dann ist der arme Kerl am End auf dem Splitt ausgerutscht …«
Humbert setzte den Becher ab, weil er sich vor Lachen beinahe verschluckt hätte. »Ein Pfundskerl, der Christian«, lachte er. »Kommt immer so harmlos daher, dabei hat er’s faustdick hinter den Ohren!«
»Aber das hat er doch net mit Absicht getan!«, empörte sich Liesl. »So etwas würde mein Christian nie im Leben machen!«
Humbert winkte ab und langte nach einem Stück Räucherschinken, um es auf seine aufgeschnittene Semmel zu legen.
Fanny Brunnenmayer schaute auf die Küchenuhr, dann blickte sie suchend in die Runde. »Wo ist überhaupt die Else?«
Tatsächlich – Else war nicht zum zweiten Frühstück erschienen. Das hatten sie vor lauter Aufregung gar nicht bemerkt. Schon weil Else sowieso meist schlafend am Tisch saß und man sie zum Essen aufwecken musste. Sie wurde alt, die Else, schaff-te es kaum noch, ein Zimmer in Ordnung zu bringen, und beim Teppichklopfen tat sie schon lange nicht mehr mit. Aber in der Tuchvilla wurde kein Angestellter aus Altersgründen fortgeschickt. Else gehörte dazu, arbeitete, was noch möglich war, saß mit den anderen in der Küche und bewohnte nach wie vor ihre Schlafkammer oben unterm Dach.
»Heute früh war sie doch noch da«, sagte Humbert.
»Freilich. Wir sind zusammen hinauf in den ersten Stock«, ließ sich Auguste vernehmen. »Da ist sie ins Zimmer von den gnädigen Herrschaften, um die Betten zu beziehen, und ich bin hinüber in den Anbau, weil die Kinder für die Schule fertig gemacht werden mussten.«
Hanna hatte im roten Salon und im Wintergarten aufgeräumt, wo die Herrschaften gestern Abend gesessen hatten, das Herrenzimmer war tagelang nicht mehr benutzt worden. In den Zimmern der »jungen Herrschaften«, also Dorothea und Leopold, musste nur ein wenig abgestaubt werden, sie wurden zurzeit nicht bewohnt. Leo hatte im vergangenen Jahr sein Abitur bestanden und studierte jetzt Musik und Kompositionslehre in München. Seine Schwester Dodo hatte die Schule – zum Entsetzen ihrer Mutter – kurz vor dem Abitur verlassen, um in Berlin Staaken eine Ausbildung zur Motorfliegerin zu absolvieren. Finanziert hatte den teuren Kurs Tante Elvira, die sich mittlerweile hervorragend in der Tuchvilla eingelebt hatte und von Dodos Flugambitionen begeistert war.
»Ich geh einmal nachschauen«, meinte Hanna und trank rasch ihren Becher aus. »Am Ende ist die Else irgendwo eingeschlafen.«
»Dass die sich aber auch net zusammenreißen kann«, schimpfte Fanny Brunnenmayer. »Ist gut acht Jahre jünger wie ich, aber kommt daher wie eine uralte Frau!«
Die langjährige Köchin der Tuchvilla hatte die siebzig schon im vorletzten Jahr überschritten, aber sie regierte nach wie vor mit eiserner Faust in der Küche, überwachte ihre »Nachfolgerin« Liesl bei der Arbeit und legte selbst Hand an, wo immer sie es für nötig befand. Nur die Beine machten ihr Kummer. Die Knie waren beständig dick angeschwollen und schmerzten, auch die Füße wollten nicht mehr so richtig ihren Dienst tun, weshalb sie nur noch in weiten Filzpantoffeln umherlaufen konnte.
»Das kommt halt daher, wenn eine fünfzig Jahre lang am Herd gestanden hat«, meinte sie verdrossen.
Die Glocke von der Terrasse klingelte – das galt Auguste, die sich seufzend erhob, weil dort die gnädige Frau Elisabeth mit ihrem Ehemann in der Sonne saß und vermutlich noch eine Kanne Limonade und frisches Gebäck haben wollte. Als sie schon an der Tür zur Halle war, tauchte Hanna im Gesindegang auf, die eine ganz und gar verzweifelte Else an der Hand führte.
»Da bist du ja, Else!«, rief Auguste. »Wo hast dich denn versteckt? Wir haben dich vermisst.«
Else schluchzte und wischte sich die Tränen mit dem Handrücken ab. »Dass mir das auf meine alten Tage passieren muss …«, heulte sie. »Wenn’s nur keiner dem gnädigen Herrn erzählt. Ich schäm’ mich ja zu Tode vor ihm …«
»Jetzt trink erst einmal einen Milchkaffee, Else«, meinte Hanna begü-tigend. »Es hat ja keiner etwas bemerkt, weil ich dich rechtzeitig gefunden hab.«
Zu ihrem Leidwesen hatte Auguste nicht mehr die Zeit für weitere Nachfragen, sie musste sich sputen, weil die gnädige Frau Elisabeth eine ungeduldige Person war. In der Küche aber erfuhr man, dass Else nach der anstrengenden Arbeit des Bet-tenbeziehens sehr müde geworden und eingeschlafen war. Hanna hatte sie im Bett des gnädigen Herrn selig schnarchend vorgefunden.
»Ist ja schon weit mit dir gekommen!«, schimpfte Fanny Brunnenmayer empört. »Wenn dich der gnädige Herr da gefunden hätt, da hätt er sich wohl sehr gewundert!«
Else hockte mit gesenktem Kopf am Tisch und ließ sich von Hanna trösten, trank Kaffee ohne Milch in langen Schlucken und versicherte ein ums andere Mal, dass ihr so etwas ganz sicher niemals wieder passieren würde.
»Jetzt bin ich aufgewacht«, behauptete sie. »Ein Wink vom Herrgott ist das gewesen, dass ich mich zusammennehmen muss.«
Auf der anderen Seite vom Tisch saß Christian, stopfte die letzte Semmel in sich hinein und trank bedächtig seinen Milchkaffee. Auch er hatte ein schlechtes Gewissen, denn inzwischen war ihm klar geworden, was er angerichtet hatte.
»Ich hab ein paar Schaufeln Splitt zu viel auf die Schubkarre geworfen«, gestand er. »Weil ich keine Lust hatte, dreimal zu fahren, da hab ich die zwei Fuhren halt zu voll gemacht. Und wie ich mit Schwung ums Blumenrondell schieb’, da fällt mir doch ein Schwapp von der Ladung auf den Hof. Ich wollt’s ja gleich wegkehren, aber dann hab’ ich gesehen, dass der Hengst schon wieder den Zaun eingedrückt hat, und da bin ich …«
»Ist ja gut, Christian«, tröstete Liesl, die schon am Herd stand, um die Zwiebeln für das Gulasch anzubraten. »Deine Schuld ist es nicht, wenn der Dummkopf net Rad fahren kann.«
»Und wenn der jetzt eine Anzeige macht?«, sorgte sich Christian.

Anne Jacobs
© Fotostudio Marlies

Die Autorin Anne Jacobs

Anne Jacobs veröffentlichte unter anderem Namen bereits historische Romane und exotische Sagas. Mit »Die Tuchvilla« gestaltete sie ein Familienschicksal vor dem Hintergrund der jüngeren deutschen Geschichte und stürmte damit die Bestsellerliste. Nach ihrer ebenfalls sehr erfolgreichen Trilogie um »Das Gutshaus«, die von einem alten herrschaftlichen Gutshof in Mecklenburg-Vorpommern und vom Schicksal seiner Bewohner in bewegten Zeiten erzählt, legt Anne Jacobs nun den von den Leserinnen langersehnten fünften Band der »Tuchvilla«-Saga vor.

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