August Emmerich ermittelt!

Wien im September 1922: Die Inflation nimmt immer weiter Fahrt auf, die Lebenshaltungskosten steigen ins Unermessliche, und der Staatsbankrott steht kurz bevor. Unterdessen haben Kriminalinspektor August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter es mit einem grausigen Fund zu tun: Auf dem Gelände des Wiener Hafens wurde in einem Tresor eine mumifizierte Leiche entdeckt. Und dabei bleibt es nicht, denn der Mörder tötet nach einem abscheulichen Muster, und er hat sein nächstes Opfer schon im Visier. Doch damit nicht genug: Ein alter Feind aus Emmerichs Vergangenheit taucht wieder auf – und er trachtet dem Ermittler nach dem Leben …

Der letzte Tod

Ein neuer Fall für Kriminalinspektor August Emmerich - eigenwillig, präzise, getrieben!

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Leseprobe zu "Der letzte Tod"

Freitag,
15. September 1922


1

»Warum bin ich nur immer so ein verdammter Pechvogel?« Alfons Speckl, der wegen seines üppigen roten Haarschopfs »Feuerspeck« genannt wurde, zog seine Schultern so hoch wie möglich und ging schneller. »Erst haben wir unsere letzte Marie beim Würfeln verloren, und jetzt zieht auch noch ein Sturm auf. Warum kann uns Fortuna, diese Dreckshur, nicht ein einziges Mal gewogen sein?« Schnaubend vor Wut streckte er seinen rechten Arm aus und drehte die Handfläche nach oben. Keine Sekunde später landete ein kalter Regentropfen auf seinen schwieligen Fingern, unter deren Nägeln sich der Dreck von Wochen eingenistet hatte. »Klatschnass werden wir werden, klatschnass, und dann holt uns der Quiqui.«
»Gevatter Tod? Nicht mal der will was mit uns zu tun haben. Also hör endlich auf zu jammern, du Waschweib«, knurrte sein Kumpan, ein gedrungener Ungar namens István, dem eine lange fettige Haarsträhne in die Stirn hing. Auf seinem Riesenschädel thronte eine Schieberkappe, die eher an einen Topfdeckel als an eine Kopfbekleidung erinnerte. »Lass uns zu den Lagerhallen unten am Stromhafen gehen«, schlug er vor. »Ich kenn eine, in die kommen wir hinein. Wenn du mir dein Ehrenwort gibst, das Maul zu halten und niemandem etwas davon zu erzählen, bist du mit von der Partie.«
»Die Lagerhallen?« Feuerspeck blieb stehen, hob den Kopf und blickte zu den Regenwolken, die über ihnen am schwach erleuchteten Nachthimmel vorbeizogen und deren dicke schwarze Bäuche zum Bersten voll waren. »Ich halt’s für eine dumme Idee. Mit den Kerlen von der Hafenaufsicht ist nicht gut Kirschen essen. Die prügeln Leute wie uns halbtot, wenn sie uns auf dem Gelände erwischen.«
»Totschlagen ist schnell erledigt. Wenn du dich aber erkältest und dir eine Lungenentzündung einfängst, wirst elendig verrecken. Außerdem sitzen die Wachleute bei diesem Wetter lieber in ihren Baracken und pfeifen sich beim Kartenspiel einen Sliwowitz nach dem anderen rein.«
»Ich weiß nicht …«, murmelte Feuerspeck kaum hörbar.
István zuckte zusammen, als ein schwerer Regentropfen ihm direkt in den Nacken fiel. »Tu doch, was du willst. Ich hau mich jedenfalls über die Häuser. Viszlát!« Er fasste sich an die Mütze, deutete eine Verneigung an und lief dann bis zum Ende des Feldwegs, wo die holprigen, verfahrenen Gleise der Donauuferbahn verliefen.
Feuerspeck trat nervös und unschlüssig auf der Stelle, wie ein Kind, das dringend aufs Klo musste. Als der Wind auffrischte und der Regen stärker wurde, folgte er seinem Zechbruder. »Von mir aus«, nuschelte er in seinen ungepflegten Zottelbart. »Bevor i aushuast.«
Gemeinsam eilten die zwei Landstreicher zwischen grauen Sandhügeln hindurch in Richtung Donau, an deren Ufer eine alte Eiche ihre knorrigen Äste in den Himmel reckte, begleitet vom Rauschen des Flusses und dem Knarzen der hier vertäuten Boote, die unruhig auf den Wellen schaukelten. Als aus der Ferne Donnergrollen erklang, legten die beiden einen Zahn zu, bis sich vor ihnen endlich die Umrisse von Kränen und Silos abzeichneten; dahinter ließen sich mehrere hölzerne Gebäude erahnen.
Feuerspeck sah sich nervös um. »Wohin?«, flüsterte er.
»Weiter nach hinten«, antwortete István knapp. »Dort, wo früher die Pester Lastschiffe angelandet sind.« Schneller als man es ihm mit seinen kurzen Beinen zugetraut hätte, rannte er an einem langgezogenen Schuppen vorbei, in dem die Zillen, die den Hafenarbeitern als Rettungsboote dienten, auf ihren Einsatz warteten.
Neben einem niedrigen Zaun hielt er kurz inne, fasste sich an die stechende Seite und blickte sich um. Als er glaubte, dass die Luft rein war, nahm er den Wettlauf gegen das nahende Unwetter wieder auf. Vor einem flachen Holzbau blieb er schließlich stehen, ging in die Hocke und ließ seine Finger über eine Stelle knapp über dem Boden gleiten.
Für den Bruchteil einer Sekunde erleuchtete ein Blitz die Szenerie und gab den Blick auf verdorrte Grasbüschel und morsche Bretter frei.
»Mach schnell!« In Feuerspecks Stimme lag Panik. »Bevor uns jemand sieht.«
Als ob er seinen Kumpan gar nicht gehört hätte, hielt István triumphierend eine Holzlatte in die Höhe und deutete auf einen circa dreißig Zentimeter breiten Spalt in der Außenwand der Lagerhalle.
»Da passt doch kein Schwein durch«, keuchte der völlig erschöpfte Feuerspeck, der froh war, nicht mehr rennen zu müssen, dem vermeintlichen Frieden aber nicht traute.
»Kein gut genährtes Schwein – da liegst du richtig. Elende Hungerleider wie wir beide aber schon«, sprach István und trat prompt den Beweis an, indem er sich wie ein Aal durch die Öffnung hindurchwand.
Nach kurzem Zögern tat Feuerspeck es ihm gleich. »Gerade noch rechtzeitig«, sagte er, als der Regen genau in der Sekunde, in der er hineingeschlüpft war, ein Trommelfeuer auf dem Dach veranstaltete. Er lachte und kramte seinen wertvollsten Besitz aus der zerbeulten Hosentasche: ein silbernes Sturmfeuerzeug der Marke Imco. Feuerspeck betätigte den Anzünder und sah sich um: Sie befanden sich in einem ungefähr zehn mal zehn Meter großen Lagerraum, in dem ein wildes Chaos aus kaputten Holzkisten, zerschlissenen Schiffstauen und zerbrochenen Tonkrügen herrschte. Von der Decke hingen löchrige Fischernetze, die von Spinnweben überzogen waren, der Boden war mit Rattenkot übersät.
»Ist zwar nicht das Sacher, aber dafür trocken und windgeschützt.« István zog seine zerlumpte, nach altem Schweiß und verfaultem Fleisch stinkende Uniformjacke aus und rollte sie zu einer Art Kopfkissen.
Feuerspeck ließ den Lichtschein über den schmutzigen, harten Boden wandern. »Man kann nur hoffen, dass die toten Kameraden drüben im Jenseits nicht sehen müssen, unter welchen Umständen wir armen Schweine heute dahinvegetieren – ohne Obdach, Arbeit und Sinn. Und dass sie den Niedergang unserer einst so glorreichen Nation nicht mitanschauen müssen, sonst wüssten sie nämlich, dass sie umsonst gefallen sind. Dass sie vergebens gelitten und ihr Blut vergossen haben.«
»Es ist, wie’s ist.« István ließ sich ächzend nieder, drehte sich mit erstaunlicher Seelenruhe eine Zigarette, zückte ein Streichholz und zündete es an der Oberfläche einer Kiste an.
Feuerspeck riss die Augen auf. »Was ist das? Da! Genau hinter dir.«
»Was denn?« István drehte sich um. »Ach das.« Er steckte die Zigarette an und schob sie, wie er es gerne tat, in die Lücke zwischen zwei braun verfärbten Zähnen. Er grinste dreckig und inhalierte den würzigen Rauch des schwarzen Tabaks. »Das Teil steht hier schon, seit ich denken kann.«
»Hast du schon mal probiert, ihn zu öffnen?« Feuerspeck trat vor den massiven, ungefähr einen Meter hohen Tresor, der frei im Raum stand. Beinahe zärtlich strich er über das runde Zahlenschloss, das an der Vorderseite des metallenen Schwergewichts angebracht war.
»Nicht nur einmal. Mit dem Teil habe ich mir schon viele Tage und Nächte um die Ohren geschlagen.« István paffte Rauchkringel in die Luft. »Die Finger hab ich mir daran wundgedreht. Aber Fortuna, die … wie hast du sie genannt?«
»Elende Dreckshur.«
»Fortuna, die elende Dreckshur, war mir nicht hold.«
Feuerspeck fummelte an der Drehscheibe herum, stellte wahllos, fast spielerisch, irgendwelche Nummern ein und betätigte den Griff. Die schwere Tür bewegte sich keinen Millimeter.
»Das kannst du dir sparen. Das ist ein echter Wertheim. Der ist absolut einbruchsicher.« István verschränkte die Arme hinter dem Kopf, legte sich nieder und schlug die Beine übereinander. »Ich hab’ mich erkundigt – natürlich ohne irgendwelche Details zu verraten. Dieses Modell hat vier Scheiben, damit sind 9 999 999 Kombinationen möglich.«
Feuerspeck versuchte sich dennoch an der nächsten Zahlenkonstellation. Leises, mechanisches Klicken war zu hören, gefolgt von einem enttäuschten Seufzer, als sich der Tresor erneut weigerte, sein Geheimnis preiszugeben.
»Ich hab’s mir ausgerechnet«, erzählte István weiter. »Wenn man davon ausgeht, dass jeder Versuch ungefähr eine Minute in Anspruch nimmt, dann kann man am Tag theoretisch eintausendeinhundertvierundvierzig Eingaben tätigen. Jetzt muss man aber natürlich schlafen, aufs Klo gehen und sich waschen. Und was noch wichtiger ist – man muss essen, trinken und hie und da mal eine rauchen. Und dafür braucht man Geld. Man muss also Kohle schnorren gehen. Kurzum: Man hat nicht vierundzwanzig Stunden Zeit, sondern nur zehn, wenn’s hochkommt, das heißt, es bleiben noch sechshundert Versuche. Hundert davon kann man getrost abziehen, weil die Hand auch mal Pause braucht, weil man vielleicht mal tanzen gehen will oder zocken oder mit einer schönen Frau pudern …«
»Das heißt, man kann ungefähr fünfhundertmal am Tag versuchen, die Kombination zu knacken.« Feuerspeck wagte einen weiteren Versuch, der, genau wie jene zuvor, nicht von Erfolg gekrönt war. »Wie viele Tage sind das bei den 9 999 999 Möglichkeiten?«
István lachte trocken.
»Mach es nicht so spannend.« Feuerspeck gab die nächste Kombination ein.
»Zwanzigtausend.«
»Zwanzigtausend«, wiederholte Feuerspeck und starrte auf seine Finger. »Ein Jahr hat dreihundertfünfundsechzig Tage«, murmelte er. »Das macht …«
»Das macht rund fünfundfünfzig Jahre – vorausgesetzt, man ist nie krank und wandert nicht hie und da mal in den Häfn oder das Krankenhaus. Wie alt bist du jetzt?«
»Sechsunddreißig.«
»Ich bin neunundvierzig. Als ich dieses Lager und den Panzerschrank vor ein paar Monaten entdeckt habe, war ich so begeistert davon, wie du jetzt. Ich wollte das Ding unbedingt öffnen, aber nach ein paar Tagen drehen und drücken und ziehen und fluchen habe ich beschlossen, meine Lebenszeit mit etwas Schönerem zu verbringen. Wahrscheinlich ist der Tresor sowieso leer, und selbst wenn Geld drinnen ist, dann ist es jetzt, dank der Inflation, so viel wert wie der tote Ratz dort drüben.« István zeigte auf einen Ratten-Kadaver, der nur wenige Meter von ihnen entfernt lag, und nahm einen letzten Zug von seiner Tschick. Die Glut fraß sich dabei durch das dünne Zigarettenpapier und versengte beinahe seine Fingerkuppen.
»Wahrscheinlich hast du recht.« Feuerspeck seufzte leise, drehte noch einmal an dem Rad und betätigte den Hebel. »Fortuna, die verdammte Drecks …«, murmelte er und riss die Augen auf, als der Tresor plötzlich ein leises Klacken von sich gab.
István fuhr hoch, stand auf und stellte sich neben seinen Kumpan. »Ich glaub’s nicht«, rief er und klopfte Feuerspeck auf die Schulter. »Ich glaub, ich träume!«
Vor lauter Aufregung zitterte Feuerspeck am ganzen Leib. Die Flamme seines Sturmfeuerzeugs malte wild tanzende Schatten an die Bretterwand. »Was wohl drinnen ist?«, überlegte er laut. »Gold? Edelsteine? Aktien?«
»Mach auf und find’s heraus«, forderte István.
»Ich?«
»Du hast die Kombination geknackt. Dir gebührt die Ehre.«
Feuerspeck nickte bedächtig und streckte die Hand aus.
»Halt.« István hielt ihn am Arm fest. »Du hast den Tresor geöffnet, aber ich hab dich überhaupt erst hierhergebracht. Egal, was drin ist, wir teilen es.«
»Jaja.« Feuerspeck startete einen zweiten Versuch, den Schatz endlich zu begutachten.
Erneut hielt István ihn davon ab. »Brüderlich«, sagte er mit eindrücklichem Tonfall. »Zu gleichen Teilen.«
»Ja sagte ich.« Feuerspeck wurde langsam ungeduldig. Er schob die Hand seines Kumpans von sich und umfasste den Tresorgriff. »Bereit?«
»Mach endlich.«
Feuerspeck atmete aus, zog mit einem feierlichen Gesichtsausdruck die Tür auf und leuchtete mit seinem Feuerzeug ins Innere des Stahlschranks.
»Szar«, fluchte István in seiner Muttersprache und wich erschrocken zurück, wobei er über eine morsche Kiste stolperte, die mit einem lauten Krachen unter seinem Gewicht zerbarst. »Was zur Hölle …?« Er bekreuzigte sich.
»Fortuna, du Dreckshur!« Feuerspeck rang nach Luft, hechtete zu dem Spalt, durch den sie die Lagerhalle betreten hatten, und kroch so schnell ins Freie, als hätte sich der Leibhaftige höchstpersönlich an seine Fersen geheftet. »Warum nur?«, keuchte er, während er völlig verstört durch den strömenden Regen taumelte. »Warum bin ich nur immer so ein verdammter Pechvogel?«

Die Kriminalinspektor-Emmerich-Reihe

Alle Bände behandeln eigenständige Fälle und können unabhängig voneinander gelesen werden.

Alex Beer
© Ian Ehm

Die Autorin Alex Beer

Alex Beer, geboren in Bregenz, hat Archäologie studiert und lebt in Wien. Ihre spannende Krimi-Reihe um den Ermittler August Emmerich ist preisgekrönt – neben zahlreichen Shortlist-Nominierungen (u.a. für den Friedrich Glauser Preis, Viktor Crime Award, Crime Cologne Award) erhielt sie den Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur 2017 und 2019 und wurde ausgezeichnet mit dem Krimi-Publikumspreis des Deutschen Buchhandels MIMI 2020. Alex Beer wurde außerdem der Österreichische Krimipreis 2019 verliehen. Neben dem Wiener Kriminalinspektor hat Alex Beer mit Isaak Rubinstein eine weitere faszinierende Figur erschaffen, die in der Reihe »Unter Wölfen« während des Zweiten Weltkriegs in Nürnberg ermittelt.

Die Isaak-Rubinstein-Reihe

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